Narzisstische Geschwister

Geschwister können die engsten Vertrauten und Verbündete sein, die nichts trennen kann. Manchmal gibt es aber auch unentwegt Zankerei unter den Geschwistern oder sie werden sogar Feinde. Es kann ein echter Hass entstehen, wenn ein Geschwisterteil unter den narzisstischen Zügen seiner Schwester oder seines Bruders leidet. Dann wird die Beziehung zwischen den Geschwistern zu stark von Neid-, Wut- oder Schuldgefühlen belastet.

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Bringt ein Kind entsprechend seiner Veranlagung bereits einen starken Willen mit auf die Welt und ist lebendig, aktiv, präsent und fordernd, dann wird es sich von seinen Eltern nicht so leicht in die Schranken verweisen lassen. Meist sind solche Kinder unbequem, laut und quengelnd. Sie fordern bereits sehr früh ihr Recht ein, lehnen sich gegen andere auf und lassen sich nicht so einfach zu lenken.

Sind die Eltern dann zu nachgiebig und tolerant, wird dieses Kind den großzügigen Spielraum nutzen, um seine Bedürfnisse bis zum Anschlag und meist darüber hinaus einzufordern und auszuleben. Es erfährt keine Grenzen und glaubt somit, sich alles erlauben zu können. Wird es dann noch über die Maße hinaus verwöhnt und umsorgt, dann gewöhnt es sich an die Tatsache, immer im Mittelpunkt zu stehen und dass es immer Menschen gibt, die alles für sein persönliches Wohlbefinden tun werden

Strenge Eltern hingegen werden mit einem solchen Kind viel Arbeit haben, weil es immer versuchen wird, die Grenzen auszuloten, sich einen eigenen Weg zu bahnen und seinen eigenen Vorstellungen zu folgen. Es beugt sich nicht so leicht dem Willen der Eltern. Mit seinem Dickkopf geht es gegen die Worte der Eltern an, die in der Regel sehr viel energischer und konsequenter durchgreifen müssen, als bei ihren anderen Kindern. Stößt das Kind dann bei den Eltern permanent auf Widerstand und wird es für sein Vorgehen beschimpft, abgewertet oder bestraft, dann empfindet es diese Form der Zuwendung seiner Eltern als Ablehnung und Kränkung. Als Ausgleich wird es dann – um das Selbstwertgefühl wieder stabilisieren zu können – andere Wege finden, um Aufmerksamkeit und Bewunderung zu bekommen. Das Kind entwickelt dann starke narzisstische Züge und ist sehr schnell beleidigt, wenn es seinen Willen und die erhoffte Anerkennung nicht bekommt. Es kann aber auch einen verdeckten Widerstand leben, indem es zwar vordergründig die Regeln und Wünsche der Eltern akzeptiert, sich hinter ihrem Rücken jedoch anders verhält.

Die Geschwister halten sich zurück

Da die Eltern schon genug Ärger und Scherereien mit diesem kleinen Querulanten haben, ziehen sich dann die Geschwister oft zurück und verhalten sich brav, um den Stresspegel nicht noch zu erhöhen. Es genügt ja, wenn ein Kind immer gegen alles angeht und versucht, seinen Willen um jeden Preis durchzuboxen. Auf diese Weise aber lassen sich die anderen Kinder in die Defensive drängen. Ihre Bedürfnisse finden weniger Anklang, weil sie sich zum einen zurückhalten und weil zu viel Aufmerksamkeit vom narzisstischen Kind gefordert wird.

Um seinen Willen durchzuboxen, missbraucht das narzisstische Kind nicht selten hierfür die Geschwister. Es lockt die Geschwister mit verführerischen Angeboten, droht oder erpresst die Geschwister, um sie bei der Umsetzung seiner Pläne, die sich gegen die Verbote der Eltern richten, behilflich zu sein. Nicht selten gelingt es dem Kind sogar  – wenn der Plan schiefgeht und der Schwindel auffliegt – dem Geschwisterteil die Schuld in die Schuhe zu schieben.

Typische Merkmale eines narzisstische Geschwisterteils:

  • Es will vor den Eltern eine gute Figur machen, um deren Aufmerksamkeit zu bekommen.
  • Es bringt auf irgendeinem Gebiet ganz hervorragende Leistungen.
  • Es drängelt sich vor, stößt seine Geschwister beiseite und achtet darauf, von allem am meisten und das Beste zu bekommen.
  • Es nimmt auf die Bedürfnisse und Gefühle der Geschwister keine Rücksicht. Es kümmert sich nur um die eigenen Interessen.
  • Es macht sich lustig über die eigenen Geschwister, es ärgert und entwertet die Geschwister.
  • Es verpetzt die Geschwister bei den Eltern.
  • Es will immer gewinnen und muss allen zeigen, dass es besser und stärker ist.
  • Es glaubt, alles besser zu Wissen und muss zu allem etwas sagen.
  • Es ist stark von sich selbst überzeugt und macht den Eindruck, anderen stets überlegen zu sein.
  • Es übernimmt nur ungern lästige Pflichten in der Familie.
  • Es lässt die Geschwister auflaufen, treibt die Geschwister durch Lügen und Intrigen auseinander.
  • Es bestraft die Geschwister, wenn diese etwas besser können oder mehr haben oder mehr Aufmerksamkeit von den Eltern bekommen
  • Es begibt sich in einen Konkurrenzkampf mit den Geschwistern.
  • Gleichzeitig kann es aber auch seine Geschwister mutig vor anderen Personen – auch den eigenen Eltern – oder Gefahren beschützen.
  • Es versucht für sich, bei den Eltern Sonderrechte zu bekommen.
  • Es verhält sich nicht so, wie es sich die Eltern wünschen und geht offen oder verdeckt gegen ihre Ansichten vor. Oder es verhält sich mustergültig, nur um die Aufmerksamkeit und Bewunderung der Eltern zu bekommen und besser als die Geschwister zu sein.
  • Werden andere Geschwister bevorzugt werden, rebelliert es.
  • Auf jede Form von Kritik, Missachtung, Ablehnung oder Benachteiligung reagiert es extrem empfindlich.
  • Es nimmt gerne in der Schule oder in Vereinen eine Führungsrolle ein.

Gelingt es dem narzisstischen  Kind nicht, die Aufmerksamkeit der Eltern oder seinem Umfeld in dem Maße zu bekommen, wie es diese benötigt, kann sich daraus ein verstecktes oder offen aggressives Verhalten entwickeln:

  • Es zeigt ein aggressives Verhalten anderen Kindern gegenüber einschließlich der eigenen Geschwister.
  • Die anderen Geschwister werden für die eigenen Zwecke missbraucht.
  • Die Geschwister werden zu Taten animiert, die ihnen eine Bestrafung durch die Eltern einhandeln werden.
  • Es werden Mutproben oder andere Heldentaten ausgeübt (z. B. barfuß über ein Feuer laufen), um Aufmerksamkeit zu bekommen.
  • Es hat grundsätzlich eine oppositionelle Meinung zu den Ansichten der Eltern.
  • Es spielt die Eltern untereinander aus.
  • Die Eltern und die angepassten Geschwister werden verspottet.
  • Es distanziert sich nach der Volljährigkeit sehr schnell von den Eltern.
  • Es flieht in Ersatzbefriedigungen wie z. B. Alkohol, Drogen, etc.

Vor allem, wenn der narzisstische Geschwisterteil männlich ist, also der Bruder, und in besonderen Maße die Aufmerksamkeit und Liebe des Vaters benötigt, diese aber nicht bekommt, verfallen solche Kinder leicht in eine Trotz-Reaktion nach dem Motto: „Wenn ich die Liebe meines Vaters nicht bekommen kann, dann werde ich allen zeigen, dass ich es auch ohne seine Liebe schaffen werde. Ich brauche ihn nicht, ich brauche niemanden.“ Dann stellt er sich offen oder verdeckt gegen den Vater und entwickelt gegen alles, was der Vater sagt oder will eine Oppositionshaltung. Es fühlt nur noch blanken Hass. Dann werden besonders die Geschwister verhasst, die sich mit den Eltern verstehen und solidarisieren.

Wie sieht der Nährboden aus, aus dem narzisstische Geschwister sprießen können:

  • Die Eltern schenken dem Kind zu wenig Liebe, Zuwendung und Verständnis oder das Kind wird überbehütet und mit allem, was es zum Leben braucht, verwöhnt.
  • Die Kinder werden unterteilt in gute und schlechte Kinder, ein Kind wird bevorzugt und ein anderes Kind wird benachteiligt.
  • Den Kindern wird nicht die notwendige Achtung und der notwendige Respekt entgegengebracht.
  • Es gibt in der Familie keine Struktur und keine Verbindlichkeiten. Die Kinder können sich auf nichts verlassen und finden keine Orientierung.
  • Neid und Eifersucht wird unter den Geschwistern gefördert.
  • Notwendige Bevorzugungen (wie z. B. eine intensivere Betreuung eines Kindes bei Krankheit oder bei Schwierigkeiten in der Schule) werden den anderen Kindern nicht hinlänglich erklärt.
  • Den Kindern werden die Entscheidungen der Eltern nicht richtig erklärt, z. T. bekommen die Kinder unterschiedliche Aussagen und Informationen und werden somit in die Irre geführt.
  • Es wird eine Reihenfolge oder Wertigkeit festgelegt: Der Erstgeborene wird zum Stammhalter gemacht, dass jüngste Kind muss das Nesthäkchen sein. Oder Jungs sind besser als Mädchen.
  • Die Eltern benutzen die Kinder im Beziehungskonflikt mit dem Partner und instrumentalisieren die Kinder. Sie wollen alle oder einzelne Kinder auf ihre Seite ziehen und sie dem anderen Elternteil entfremden.
  • Die Kinder werden nicht ihrer Veranlagung entsprechend gefördert.

Die Zerstrittenheit wird gefördert

So sehr sich die Eltern ein gutes Miteinander unter den Kindern wünschen, so wenig fördern sie oft das gegenseitige Vertrauen unter den Kindern. Durch die Spaltung in gute Kinder und schlechte Kinder oder durch einseitige Bevorzugung eines Kindes bei gleichzeitiger Benachteiligung eines anderen Kindes, durch die Vergabe von Privilegien an das eine Kind und das Auferlegen von Restriktionen an das andere Kind, wird der Neid und der Hass unter den Kindern gefördert.

Meist sind sich die Eltern dieser Tatsache nicht bewusst und haben auch gar nicht die Absicht, die Kinder untereinander aufzuhetzen. Besonders wenn sich das narzisstische Kind immer vordrängelt, die Eltern schikaniert und tyrannisiert und einfach mehr einfordert, so dass die Eltern entnervt aufgeben und zum Teil gegen ihre eigenen Grundsätze vorgehen, nur damit wieder Ruhe und Frieden einkehrt, kann der Neid unter den Geschwistern gefördert werden, wenn kein Ausgleich von den Eltern geschaffen wird.

In vielen Fällen wird das Streiten unter den Geschwistern auch einfach von den Eltern verboten. Dann kann ein Konflikt zwischen den Kindern nicht offen und bis zum Ende ausgetragen werden, weil sich die Kinder aus Rücksicht zu den Eltern nicht streiten sollen. Auf diese Weise gibt das angepasste und brave Kind in aller Regel nach und das narzisstische Kind behauptet wieder einmal seinen Willen. Dadurch, das Meinungsverschiedenheiten nicht geklärt werden, sondern einfach unter den Teppich gekehrt werden, bleibt die Wut auf das Geschwisterteil erhalten und entlädt sich dann bei einer anderen Gelegenheit.

Auf der einen Seite sollten Eltern zwar einen Streit unter den Kindern nicht fördern, sie sollten ihn aber auch nicht abwürgen, wenn er sich dann entfacht hat. Vielmehr sollten sie vermittelnd eingreifen und die Positionen der Kinder ernst nehmen und nachvollziehen können sowie zu einer für beide Seiten zufriedenstellenden Einigung beitragen.

Aus Geschwistern werden Konkurrenten

Aus Geschwistern können Verbündete werden, die zusammenhalten und gemeinsam durch Dick und Dünn gehen. Es können aber auch verbitterte Konkurrenten werden, die um die Gunst der Eltern kämpfen. Manchmal wechseln die Rollen auch von Situation zu Situation. Manchmal springt man für den anderen in die Bösche und manchmal schubst man ihn ins Feuer. Kinder geben ihren momentanen Gefühlen noch zu leicht nach, dahinter muss sich nicht immer pure Boshaftigkeit verbergen. Steckt hinter den Gemeinheiten jedoch eine Methode, dann kann das Verhältnis in blanken Hass umschlagen und man bleibt sich ein Leben lang verfeindet.

Wenn der Kontakt abbricht, weil man sich einfach nichts mehr zu sagen hat und das rücksichtslose und destruktive Verhalten des narzisstischen Geschwisterteils nicht mehr zu ertragen ist, dann geht ein Stück der eigenen Familie verloren. Das ist für viele bitter und daher suchen Betroffene oft nach Wegen, um doch irgendwie eine Beziehung zu dem Narzissten aufrechtzuerhalten. Meist enden jedoch weitere Versuch darin, dass Betroffene wieder nur auf das rücksichtslose und egoistische Verhalten stoßen und ausgenutzt werden.

In einer besonderen Dramatik zeigt sich diese ungesunde Entwicklung, wenn eines Tages ein Elternteil verstirbt und das Testament eröffnet wird. Wenn sich das narzisstische Kind nicht hinreichend berücksichtigt fühlt, kann es zu einem erbitterten Kampf ums Erbe kommen, wo nicht mehr der Wille der Eltern den Ausschlag gibt, sondern nur der Wille des Narzissten, der sich eine Benachteiligung auf keinen Fall gefallen lässt. In manchen Fällen hat sich der narzisstische Bruder oder die narzisstische Schwester bereits vor dem Abtreten der Eltern das dickste Stück vom Erbe gesichert.


Veröffentlicht in Blog, Familie und Erziehung
6 Kommentare zu “Narzisstische Geschwister
  1. Patricia Reichhardt sagt:

    Der Text ist sehr interessant und bestätigt meine Auffassung dieses Themas.
    Es spiegelt bis ins Detail die Beziehung zwischen meinem Ex und seiner jüngere Schwester.
    Wenn ich richtig verstehe, wird der Bruder durch das narzistische Verhalten seiner Schwester, selber narzistische geprägt?

  2. enditnow sagt:

    Guter Artikel. In Zukunft würde mich besonders ein Artikel über Karl Lagerfeld interessieren. Er wurde bereits als Narzisst in ihrem Buch identifiziert. Wie wäre es da mit einem genaueren Artikel? Auch an Muhammad Ali wäre ich interessiert.

  3. Marc vdM sagt:

    Ich, als getrennt lebender Vater, selbst Opfer eine narzistische Frau, habe vieles wieder erkannt bei meinem Kinder, 2 Jugendlichen im Alter von 18 und 19 Jahren. Die Frage stellt sich für mich: Wie gehe ich als empathischer Vater damit um, ohne dass ich selbst daran selisch kaputt gehe?

  4. Céline sagt:

    Obige Beschreibung passt auf einen Verwandten: jähzorniges Problemkind, Schulverweigerer, später Erbschleicherei übelsten Ausmaßes.
    Man ließ ihm alles durchgehen, da er die Mitleidstour voll ausspielte und grundsätzlich im Mittelpunkt stand.
    Später plünderten seine Partnerinnen ihr Bankkonto, um ihm einen großspurigen Lebensstil zu ermöglichen und dass er sich als verkannter Künstlertyp selbst verwirklichen kann.
    Heute ist er tiefenpsychologisch tätig, schart einen Harem an Bewunderinnern um sich und hat 4 unehliche Kinder in die Welt gesetzt, in deren Kreis er sich als Familienmensch inszenziert. Jahrelang lebte er auch mit mehreren Frauen gleichzeitig zusammen.
    Da er als auch seine Damen das psychoanalytische Brett vor dem Kopf haben, ist ein normales Gespräch nicht möglich.
    Streit gibt es zwischen uns immer, wenn ich seinem Gefasel, dass die Psychoanalyse eine Wissenschaft sei, widerspreche und das auch mit ernsthaften Argumenten der Wissenschaft unterlege.
    Von daher eigne ich mich nicht als Bewundererin, und habe weitgehendst Ruhe vor ihm.

  5. Selina sagt:

    Ich habe so eine Erfahrung gemacht und kann sogar bestätigen, dass der Kampf ums Erbe sehr früh begann. Meine Schwester hat seit ca 10 Jahren meine Eltern manipuliert und in die Irre geleitet. Ich wurde durch ihren fortgesetzten Druck „gezwungen“ Zuwendungen meiner Eltern nachträglich in Darlehen umzuwandeln, während sie sich umfangreiche Schenkungen einverleibte. Als die Eltern im Heim waren und die Rechtslage nicht richtig verstanden, kam es zu einem komplizierten Erbvertrag, der mich enterbt. Kurz darauf stellte sich zudem heraus, dass die Darlehensansprüche an sie abgetreten worden waren und sie die sofortige Rückzahlung einklagt. Meine Eltern sind in dem Durcheinander durch ihre Unterschriften zum Täter geworden.

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