Die autoritäre Erziehung des Narzissten

Narzisstische Eltern erleben ihr Kind als einen Teil von sich selbst. Sie können nicht zwischen den eigenen Bedürfnissen und den Wünschen des Kindes unterscheiden. Für sie ist das Kind nur ein Ableger ihrer eigenen Persönlichkeit und muss daher dieselbe Grandiosität widerspiegeln. Die Eltern üben eine autoritäre Erziehung aus und erwarten von ihrem Kind, dass es unerwünschte Persönlichkeitsanteile von sich abspaltet und sich am Bild der Eltern orientiert.

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Das Kind wird zu einem Objekt gemacht, mit dem sich narzisstische Eltern in der Öffentlichkeit schmücken möchten. Sie legen sehr viel Wert darauf, dass das Kind gut erzogen ist, anständige Manieren hat, gute schulische Leistungen bringt und auch auf anderen Gebieten herausragende Fähigkeiten entwickelt. Dazu wird es zu Höchstleistungen animiert. Dem Kind wird im Gegenzug versichert, dass es seinen Eltern einmal dankbar für ihre fürsorgliche Unterstützung sein werde. Es lernt aber auf diese Weise, dass es nicht so sein darf, wie es ist, sondern nur so, wie es den Eltern gefällt.

In erster Linie dient den Eltern eine autoritäre Erziehung dazu, uneingeschränkt über das Kind verfügen zu können und die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Es bereitet den Eltern große Genugtuung und befriedigt ihr Machtbedürfnis, wenn ein kleines, hilfloses Wesen ihrer Kontrolle völlig ausgeliefert ist und um ihre Anerkennung kämpfen muss. Narzisstische Eltern helfen dem Kind nicht dabei, seine eigene Persönlichkeit zu entwickeln, sie fragen nicht einfühlsam nach seinen Interessen und Wünschen und hören ihm auch nicht verständnisvoll zu. Sie sind ganz einfach davon überzeugt, dass alles, was sie für das Kind tun, zu seinem Besten ist.

Was kennzeichnet eine autoritäre Erziehung?

Autoritäre Erziehung ist gekennzeichnet durch strenge Regeln, hohe Erwartungen sowie ein konsequentes Belohnungs- und Bestrafungssystem. Das Verhalten und das Denken des Kindes werden den Vorstellungen der Erwachsenen entsprechend gelenkt. Narzisstische Eltern bestimmen einseitig und rigoros die Aktivitäten des Kindes. Sie wollen sogar bestimmen, was das Kind zu denken und zu fühlen hat. 

Weitere Merkmale des autoritären Erziehungsstils narzisstischer Eltern:

  • Die Eltern sprechen häufig Befehle und Anordnungen aus.
  • Die Eltern respektieren nur die Wünsche des Kindes, die ihren Vorstellungen entsprechen.
  • Im Vordergrund stehen ausschließlich die Bedürfnisse und Wünsche der Eltern.
  • Das Kind wird bei Zuwiderhandlungen unmittelbar zurechtgewiesen und getadelt.
  • Die Eltern stellen hohe Anforderungen an das Kind.
  • Das Kind weiß nie, was als Nächstes kommt, und ist dem Willen der Eltern hilflos ausgeliefert.
  • Die Eltern arbeiten mit Manipulationen, Drohungen und Einschüchterungen.
  • Die Entscheidungs- und Verfügungsgewalt liegt ausschließlich bei den Eltern.
  • Die Rahmenbedingungen und Kriterien für den Umgang des Kindes werden allein von den Eltern festgelegt.
  • Die Eltern sind davon überzeugt, dass das Kind ohne Führung verkommt und disziplinlos wird.
  • Der Umgangston der Eltern ist oft rauh und wenig herzlich.
  • Es besteht eine auffallende emotionale Distanz zwischen den Eltern und dem Kind.
  • Die Eltern erklären nur ungenügend die Gründe für Regeln, Anweisungen oder Bestrafungen.
  • Das Kind ist der ständigen Kritik der Eltern ausgesetzt.
  • Unerwünschtes oder erfolgloses Handeln wird herabgesetzt und verpönt.
  • Maßregelung kann durch körperliche Züchtigung erfolgen.

Welche Auswirkungen hat eine autoritäre Erziehung?

Das Kind erhält bei diesem strengen Erziehungsstil nicht die Möglichkeit, ausreichend seine Veranlagungen sowie seine Stärken und Schwächen zu entdecken. Es wird nicht zu dem erzogen, was es in Wirklichkeit ist und was in ihm steckt, sondern zu dem, was die Eltern als angemessen empfinden. Das Kind beginnt somit, das Bild zu leben, das andere von ihm haben, und distanziert sich auf diese Weise von sich selbst. Es entwickelt ein falsches Selbst.

Diese Entwicklung geschieht auf einer rein unbewussten Ebene. Das Kind braucht die Liebe und die Zuwendung seiner Eltern, um überleben zu können. Es ist hochgradig abhängig von seinen Eltern und daher gezwungen, sich deren Wünschen und Vorstellungen unterzuordnen, um ihre Aufmerksamkeit, ihre Unterstützung und ihr Wohlwollen zu bekommen. Das Kind passt sich instinktiv an, um seine Seele vor Schmerzen und negativen Erfahrungen zu schützen, und ist daher bereit, die Behandlung seiner Eltern über sich ergehen zu lassen.

Weitere Auswirkungen einer autoritären Erziehung auf das Kind:

  • Einschränkung von Kreativität und Spontanität
  • mangelnde Selbständigkeit des Kindes
  • Entwicklung eines geringen Selbstwertgefühls
  • Abhängigkeit von den Anweisungen und Entscheidungen anderer
  • mangelnde Selbstbehauptung in Konflikten und Krisen
  • unterentwickelte kommunikativen Fähigkeiten
  • mangelnde Fähigkeit, die eigenen Gefühle auszudrücken
  • ernste psychische Erkrankungen

Ein Kind, das autoritär erzogen wird, kann aggressive Verhaltensweisen insbesondere Schwächeren gegenüber entwickeln. Wenn sich das Kind von den Eltern nicht angenommen fühlt, können Aggressionen ein Hilferuf nach Aufmerksamkeit und Liebe sein. Meist ist dann auch ein stark ichbezogenes Sprachverhalten zu beobachten. Das Kind stellt sich gerne in den Vordergrund, erhebt sich über andere, wirkt besserwisserisch und ahmt die Eltern in ihrem autoritären Verhalten nach. Es zeigt dann in Abwesenheit der Eltern starke narzisstische Züge.

Keine emotionale Unterstützung der Eltern

Die autoritäre Erziehung verhindert, dass sich das Kind sicher fühlen kann. Es muss ständig damit rechnen, verletzt zu werden, wenn es sich nicht so verhält, wie es die Eltern wünschen. Diese hingegen brauchen die emotionale Distanz zum Kind, um den bedingungslosen Gehorsam des Kindes zu erzwingen und ihm den notwendigen Respekt beizubringen. Dem Wunsch des Kindes nach Geborgenheit kommen die Eltern nicht nach, weshalb sich zwischen den Eltern und dem Kind kein echtes Vertrauen und keine echte Nähe einstellen können. Das Kind wird in der Folge in späteren Beziehungen große Probleme haben, das richtige Maß an Autonomie und Bindung zu finden.

Das Kind wird durch den strengen Erziehungsstil dauerhaft in eine schwächere Position gedrängt. Es wird nicht dazu erzogen, sein Leben eigenständig in die Hand zu nehmen und sich frei zu entfalten, sondern wird auch in späteren Beziehungen entweder die angepasste und unterwürfige Rolle einnehmen in der Hoffnung, auf diese Weise die emotionale Zuwendung zu erhalten, die es zur Aufrechterhaltung seines seelischen Gleichgewichts benötigt, oder es wird seinerseits den späteren Partner missbrauchen, um die Aufmerksamkeit und Anerkennung zu erhalten, die es von den Eltern niemals bekommen hat.

Die narzisstischen Eltern sind sich in der Regel ihres egoistischen Vorgehens nicht bewusst. Sie glauben, besser als das Kind entscheiden zu können, was für das Kind gut ist, und daher alles zu dessen Wohl regeln zu müssen. Sie können sich gar nicht vorstellen, dass sie ihrem Kind mit ihrer Ignoranz und ihrem mangelnden Einfühlungsvermögen schaden könnten. In der Regel organisieren narzisstische Eltern scheinbar selbstlos alles für ihr Kind, damit es ihm gut geht, so dass man ihnen oberflächlich betrachtet eigentlich gar keinen Vorwurf machen kann. Doch sie tun es eben nicht für das Kind, sondern ausschließlich für sich selbst, um dafür Liebe und Anerkennung vom Kind oder von anderen zu erhalten und sich großartig fühlen zu können.

Wie erträgt das Kind die autoritäre Erziehung?

Das Kind lernt sehr früh, die eigenen Bedürfnisse und Gefühle zu verleugnen, und wird dazu gezwungen, seine unerwünschten Persönlichkeitsanteile zu unterdrücken, damit es nicht ständig in Konflikt mit den Eltern gerät. Je mehr sich das Kind aber von sich selbst entfernt und seine wahre Persönlichkeit zugunsten der Eltern aufgibt, desto stärker wird es von einer inneren Zerrissenheit getrieben, die – wenn es sich der tieferen Gründe hierfür nicht bewusst wird – ständig zu Unzufriedenheit mit sich und der Umwelt führen wird. Der unzulängliche Kontakt zu sich selbst spürt das Kind in Form eines Mangels.

Das Kind wird es im Erwachsenenalter sehr schwer haben, sich selbst zu finden. Durch die jahrelangen Manipulationen der Eltern hat es sich selbst aus den Augen verloren. Es vertraut nicht seiner eigenen Wahrnehmung, seinen Fähigkeiten und seiner Intuition. Es ist zutiefst unsicher, was den eigenen Wert und die eigenen Bedürfnisse betrifft, weshalb es in zukünftigen Beziehungen leicht  beeinflussbar ist. Meist bleiben diese Kinder auch im hohen Alter den Eltern gegenüber unterwürfig und legen eine fast schon bemitleidenswerte Folgsamkeit an den Tag, was ihnen in der Folge von anderen wenig Achtung und Respekt einbringt.

Es ist das Lebensdrama des Kindes, sich im Erwachsenenalter seine Selbständigkeit und Unabhängigkeit erarbeiten oder erkämpfen zu müssen. Um sich des inneren Konfliktes bewusst zu werden, wird das Kind immer wieder in gleiche Beziehungskonstellationen geraten, bis es das eigene neurotische Verhaltens- und Reaktionsmuster erkennt und beginnt, an sich zu arbeiten. Der erste Schritt hierzu ist es, sich die bittere Wahrheit des elterlichen Missbrauchs einzugestehen.

Narzisstischer Nährboden

Entsprechend ihrer Veranlagung werden Kinder narzisstischer Eltern aus deren unangemessenem Erziehungsstil ihre persönliche narzisstische Wunde entwickeln. Sie werden sich entweder gegen das Gefühl der Minderwertigkeit wehren und sich nach außen größer präsentieren, als sie sind, um auf diese Weise die von den Eltern vorenthaltene Aufmerksamkeit und Liebe von anderen zu bekommen, oder die Minderwertigkeit wird zu einem wesentlichen Teil ihrer Persönlichkeit und sie verhalten sich stets unterwürfig und nachgiebig, um mit ihrer Zurückhaltung anderen zu gefallen.

Entweder entwickeln sie also ein übertrieben positives oder negatives Selbstbild. Sie werden daher nicht in der Lage sein, ein gesundes Selbstwertgefühl aufzubauen, sich ihres eigenen, realistischen Wertes bewusst zu sein und sich auch ohne die unentwegte Bestätigung anderer lieben zu können. Es mangelt ihnen an Selbstliebe und sie bleiben daher abhängig von der Akzeptanz anderer, um über deren positive Zuwendung ihren Selbstwert regulieren zu können. 


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Veröffentlicht in Familie und Erziehung
4 Kommentare zu “Die autoritäre Erziehung des Narzissten
  1. Susanne sagt:

    Mein Ex hat seinem Sohn (16, Scheidungskind), genauso wie mir, kaum Freiraum gelassen, alles wurde kontrolliert und nachgetragen.
    Wenn der Junge Termine hatte, hat der Vater ihn 10 Minuten vorher daran erinnert.
    Wenn der junge Mann bei Freunden übernachtet hat, dann hat sein Vater ihn dort angerufen und morgens geweckt, damit Schlaf/Wach nicht durcheinander kommt.
    Sein Zimmer wurde vom Vater noch sauber gemacht und ich bekam vom Vater einen cholerischen Anfall zu hören, weil ich mich weigerte das zu machen.
    Der junge Mann ist 16 und wird noch vom Vater morgens geweckt.
    So erzieht man jemanden in die Unselbständigkeit, es ist übergriffig und nicht angemessen. Dass der Junge wie ein Kleinkind behandelt wird (mich hat er auch gerne gemaßregelt und jeden Handgriff kontrolliert),hat er nicht gesehen und der junge Mann wurde zunehmend anstrengend (fing an zu trinken und lügen, wurde aufsässig), was ich gut verstehen kann. Wie soll man sonst in so einer Konstellattion ein selbstbewusster Mann werden und sich altersgemäß abgrenzen?

  2. Jorge sagt:

    Mich würde mal interessieren, wie ihr damit umgeht und wie ihr das für euch und die Kinder löst. Meine Ex hat sich im ersten Jahr nach der Trennung kaum um die Kids gekümmert. Ein Job und ein Partner folgte dem anderen und wurde den Kindern präsentiert. Mittlerweile, nach 4 Jahren, haben wir zwar ein Wechselmodell (4 Tage bei ihr, 3 Tage bei mir), sie manipuliert die Kinder aber an allen Ecken und Enden. Nach Aussage der Kinder (14/18) ist ihnen das aber durchaus bewusst.

    • Lilli sagt:

      Hallo Jorge,

      wenn es Deinen Kindern schon bewusst ist, finde ich das sehr gut.
      Meinen Schwestern ist die egozentrische Manipuliererei unserer Mutter bis heute nicht bewusst,
      meine jüngere Schwester lebte auch lange noch bei ihr.

  3. Lilli sagt:

    Hallo,

    bei diesem Thema, autoritäre Erziehung,
    ist für mich die Unterscheidung von konservativ: also dass alten Zeiten neue Zeiten folgen,
    und narzisstisch:
    unter Liebesentzug und Abwertereien egozentrischen Forderungen des narzisstischen Elternteils ausgeliefert zu sein.
    Meine Mutter wollte einerseits, dass ihre Töchter es besser haben sollten als sie selbst,
    andererseits versuchte sie die Berufe der Töchter über deren Köpfe hinweg zu bestimmen.
    Meine Schwestern haben sich gefügt,
    ich mich nicht,
    wofür sie mich dann hintanstellte, bzw.ich auch von selber in immer mehr Distanz ging.
    Der wesentliche Unterschied ist der Liebesentzug und die massive Abwerterei.
    Eine ’normal‘ autoritäre Erziehung ist doch entwicklungsfähig, die Eltern akzeptieren die neuen Zeiten dann mal.
    Die narzisstisch autoritäre Erziehung zielt auf völlige Unterordnung des Kindes unter die ichbezogenen Berufsvorstellungen der/des Elternteils,
    mittels Liebesentzug und Abwertung anderer Wünsche.
    Meine Schwestern lehnen mich ab. Ich lasse sie inzwischen los.
    Weiß Gott, ob wir irgendwann mal darüber reden können.
    Am Wichtigsten war, dass ich für mich erkennen konnte, um welche Schwierigkeiten es sich handelt.
    Wo Leute von Narzissmus keine Ahnung haben, rede ich von sehr autoritär, ich sage also, meine Herkunftsfamilie sei sehr autoritär und ich nicht.

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