Ich habe Angst, dich zu verlieren!

Kaum ein anderer Satz kann in einer Liebesbeziehung treffender die unermessliche Sehnsucht des Partners ausdrücken und gleichzeitig die Bereitschaft, sich bedingungslos zu binden. Er zeigt die Angst des Partners davor, nicht gut genug für den anderen zu sein und seinen Willen, alles für die Beziehung zu tun, um nur keinen Verlust zu erleiden. Zugleich offenbart er die hohe Verletzbarkeit des Partners.

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Manch leidenschaftlicher Satz, der im Sinnestaumel die starken Emotionen ausdrücken soll, die man für einen anderen Menschen empfindet, und leichtfertig geäußert wird, kann unangenehme Folgen nach sich ziehen. Zwar hat die Person, die ihn ausspricht, zum Zeitpunkt dieses bewegenden Geständnisses meist die Absicht, dem Partner zu vermitteln, dass die Liebe zwischen den beiden niemals enden darf und dass er für immer mit ihm zusammenbleiben möchte. Allerdings kann diese Botschaft im weiteren Verlauf der Beziehung auch leicht gegen ihn verwendet werden.

Was bedenkenlos in guter Absicht und zur Förderung des Vertrauens geäußert wird, kann in der Beziehung mit einem Narzissten verhängnisvolle Folgen haben. Den Satz „Ich habe Angst, dich zu verlieren“ versteht der Narzisst nämlich ganz anders: Er sieht in dem Eingeständnis des verliebten Partners eine Gelegenheit, den Partner zukünftig besser manipulieren und von sich abhängig machen zu können. Umgekehrt nutzt der Narzisst diesen Satz seinerseits, um das Mitgefühl des leichtgläubigen Partners zu erregen.

Welche Auswirkung hat diese arglose Bekundung für den Partner und welche Absichten hat ein Narzisst wirklich, wenn er diesen Satz äußert?

Der Narzisst nutzt die Naivität des Partners aus

Der Narzisst benutzt den Satz „Ich habe Angst, dich zu verlieren“, um seinen Partner noch abhängiger von sich zu machen. In vielen Fällen versucht er, mit diesem Satz seine krankhafte Eifersucht zu bekämpfen. Wenn sich der Partner zeitweilig von dem Narzissten abwendet und sich anderen Personen freundlich und vergnügt zuwendet – vor allem, wenn es sich um Personen des anderen Geschlechts handelt, kann der Narzisst sehr misstrauisch werden und hinter der ausgelassenen Geselligkeit eine mutmaßliche Untreue seines Partners vermutet.

Um den Partner von diesem Verhalten abzuhalten, benimmt sich der Narzisst dann wie ein besorgtes Kind, das Angst hat, seine Mutter könne ihn alleine lassen. Er gibt vor, jedes Mal unerträgliche Ängste ausstehen zu müssen, wenn sich der Partner mit anderen trifft, unterhält oder amüsiert. Seine Paranoia kann so weit gehen, dass er hinter harmlosen Begegnungen eindeutige Anspielungen erkannt haben will, und interpretiert ernsthafte Annäherungsversuche hinein.

Aus Sicht des Narzissten nimmt sich der Partner möglicherweise auch zu viele Freiheiten heraus und möchte seine Zeit gerne auch mit anderen Personen und Beschäftigungen verbringen, anstatt nur mit dem Narzissten zusammen zu sein. Dann kann er auf höchst theatralische Weise mit Tränen in den Augen diesen herzzerreißenden Satz vorbringen, allerdings vorrangig in der Absicht, den Partner von seinen autonomen Vorhaben abzubringen und vollständig über ihn verfügen zu können.

Empathische Partner können in solchen Situationen den vorgetäuschten Schmerz des Narzissten nicht ertragen und leiden, wenn sie ihn so betrübt erleben. Sie fühlen sich schuldig, wenn sie nicht auf das Leid des Narzissten eingehen und er das Gefühl hat, von ihnen vernachlässigt zu werden. Um dem Narzissten zu helfen und ihn wieder glücklich zu machen, reduzieren sie fortan ihre selbständigen Aktivitäten. Mit der Zeit führt diese Zurückhaltung dazu, dass sich Partner zunehmend von sozialen Kontakten distanzieren, isolieren und bereit sind, nur noch für den Narzissten da zu sein. Sie opfern sich für die Liebe.

Der Narzisst hat somit sein Ziel erreicht: Mit diesem äußerst sentimental klingenden Satz trifft er genau ins Herz des Partners und löst dessen Mitgefühl aus. Der Partner fühlt sich sofort aufgefordert, die eigenen Bedürfnisse fallenzulassen, um den Narzissten aus seiner scheinbaren Not zu befreien. Auf diese Weise steht der Narzisst dann uneingeschränkt im Mittelpunkt des Lebens seines Partners, wo er sich am wohlsten fühlt, ohne dass er den Satz „Ich habe Angst, dich zu verlieren!“ in der Weise verwendete, in der er eigentlich zu verstehen ist.

Der Co-Narzisst macht sich mit diesem Satz abhängig

Der Partner eines Narzissten wiederum nutzt diesen Satz, um seine grenzenlose Liebe und seine unerschütterliche Treue zum Ausdruck zu bringen. Er will damit betonen, dass er den Narzissten braucht, dass er nicht ohne ihn sein kann, dass er sich wertlos ohne den Narzissten fühlt, dass er ständig an ihn denken muss und dass er bereit ist, alles für die Beziehung zu tun, damit es nicht zu einem Bruch kommt.

In dem Satz „Ich habe Angst, dich zu verlieren“ steckt das unmissverständliche Geständnis einer totalen Ergebenheit: Ein Leben ohne den Narzissten ist unvorstellbar. Insgeheim hofft der verzückte Partner, den Narzissten durch diesen Treueschwur enger an sich binden zu können, weil er davon überzeugt ist, dass der Narzisst ihn beschützen will und niemals mit seiner Not alleinlassen würde.

Der Narzisst seinerseits fühlt sich durch dieses offene und ehrliche Bekenntnis nicht nur geschmeichelt, sondern er nutzt im weiteren Verlauf der Beziehungen auch die damit verbundene Verletzbarkeit des Partners zu seinen Gunsten. Er beginnt, mit der Angst des Partners zu spielen, indem er droht, ihn zu verlassen, wenn er den Vorstellungen des Narzissten nicht uneingeschränkt folgt. Er nutzt diesen vertraulichen Einblick in das Seelenleben des Partners, der eigentlich nur seine starken Gefühle zum Ausdruck bringen wollte, um diesen emotional zu erpressen.

Der Partner liefert dem Narzissten mit diesem unbedachten Satz eine Steilvorlage: Mit Hilfe seiner Angst kann dieser ihn spielend leicht steuern. Weil er dem Narzissten die Macht verleiht, für sein Glück oder Leid verantwortlich zu sein, macht er sich emotional abhängig von ihm. Er kann nur glücklich sein, wenn der Narzisst bei ihm bleibt. Dieser Mindestanspruch ist gleichzeitig die Fessel, die sich der Partner in der Beziehung mit einem Narzissten selbst umlegt, ohne dass er beim gedankenlosen Aussprechen des Satzes „Ich habe Angst, dich zu verlieren“ diese Absicht gehabt hätte.

Diesen Satz sollten Partner von Narzissten vermeiden

Dieser schwärmerische Satz, der in fast keiner Beziehung fehlt, kann also hochgradig missbräuchlich verwendet werden – vor allem, wenn man es mit einem Narzissten zu tun hat. Entweder nutzt er selbst dieses Geständnis, um beim Partner anhaltendes Mitleid auszulösen und auf diese Weise dessen ganze Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, oder der Partner legt mit diesem Satz seine Schwächen schonungslos offen, die der Narzisst dann zum Zwecke der Manipulation brutal ausnutzt.

Ehrlicher als der Satz „Ich habe Angst, dich zu verlieren“ wäre von einem Narzissten die Aussage: „Ich habe Angst, nicht mehr bewundert zu werden.“ Da eine solche Aussage aber nur die übersteigerte Selbstsucht des Narzissten aufdecken würde, appelliert dieser besser an das Mitgefühl des Partners, um seine wahren Absichten zu verhüllen. Partner von Narzissten wiederum sollten – zumindest für sich selbst – diesem Satz die richtige Bedeutung zuweisen, bevor sie sich entscheiden, ihn auszusprechen: „Ich habe Angst, allein zu sein und mich dann wertlos und nicht liebenswert zu fühlen!“

Verliebte, die sich in einer Beziehung mit einem Narzissten befinden, sollten keine Angst davor haben, den Narzissten zu verlieren – sie sollten eher Angst davor haben, sich selbst zu verlieren. Da der Narzisst das Mitgefühl, das Vertrauen und die Hingabe des Partners nutzt, um diesen besser beeinflussen und steuern zu können, dürfte die Preisgabe dieses Geheimnisses auf Dauer eine höchst gefährliche Angelegenheit im Umgang mit einem Narzissten sein. In dem Maße, in dem man das Bedürfnis hat, sich in einer Liebesbeziehung hinzugeben, wird der Narzisst dieses Angebot missbrauchen.


 

Veröffentlicht in Beziehung mit einem Narzissten, Blog
5 Kommentare zu “Ich habe Angst, dich zu verlieren!
  1. Klarsicht sagt:

    Eigenartig, wenn ich diesen Satz höre, denke ich heute, den würde ich nie aussprechen und möchte auch nicht, dass mein Partner diesen Satz ausspricht. Es setzt den anderen unter Druck.
    „Ich habe Angst, dich zu verlieren“ drückt direkt eine grosse Verlustangst aus. Die sollte es in gesunden Partnerschaften nicht geben. Aber wir sprechen ja nicht von gesunden Partnerschaften. Und genau deshalb kommt es dort vor. Der Narzisst spielt ja mit dieser Verlustangst des Co-Abhängigen, sein Sich-nicht-Festlegen -Wollen- triggert diese Verlustangst und genau das scheint die Wunde des Co-Abhängigen zu sein. Und dies gilt es zu heilen. Keine Verlustangst mehr zu haben.
    Wenn ich genügend Selbstwert habe, brauche ich keine Angst zu haben den Partner zu verlieren. Denn wenn es nicht passt, dann gehe ich eben…

  2. Mia sagt:

    Es kann einem doch nichts Besseres passieren, als den Narzissten zu verlieren. Es gibt nichts Toxsischeres als eine einseitige Beziehung, wo Eine(r) alles gibt und der/die Andere alles nimmt. Ich bin mittlerweile heilfroh, meinen Psycho Ex verloren zu haben. Eine Beziehung mit jemand so Gestörten kann NIE gutgehen.

    • Silv sagt:

      @Mia ja aber in bestehenden oder on/ off- Beziehungen gibt es ja ein Abhängigkeitsverhältnis. Das basiert aus der Passung beider Partner Narzissmus und Conarz.

      • Mia sagt:

        Ich war eineinhalb Jahre in einem Abhängigkeitsverhältnis mit einem malignem Narzissten, bis ich von ihm entsorgt wurde. Am Anfang waren da Wut, Hass, Trauer, Selbstzweifel. Ich habe mich ausgiebig mit dem Thema der narzisstischen Persönlichkeitsstörung auseinandergesetzt, bin noch immer in Therapie. Ich habe erkannt, dass es nicht meine Schuld war. Ich liebe ihn nicht mehr, ich hasse ich nicht mehr, er ist mir egal. Er ist überall blockiert. Sollte er mich dennoch kontaktieren, wird er sofort Post von meinem Anwalt bekommen. Es ist schwer, aber man kann sich von einem Narzissten befreien.

  3. Dora sagt:

    Sehr geehrter Herr Grütefien
    Dem heutigen Beitrag kann ich nur zustimmen. Mir wurden alle ehrliche liebes Bekenntnisse zum Verhängnis.
    Ich hoffte auf emotionale Nähe , aber das konnte er nicht.
    Mein Körper reagierte mit Krankheit und Schmerz, nachdem ich immer die Schuldige war.
    Mein Verhalten sei krankhaft usw..
    Endlich fand ich den Weg zur Trennung, er wollte nie ein offenes Gespräch, warum auch
    er machte nie einen Fehler. Heute bekomme ich die ganze Schuldzuweisung.
    Es wird wohl noch lange Zeit brauche um all den Schmerz zu Verarbeiten.
    Ihnen Danke ich für Ihre Unterstützung mit all den guten Beiträgen.

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