Weselsky: Wenn die Züge stillstehen!

Viele werden sich die Frage gestellt haben, wie es angehen kann, dass ein einzelner Mann fast den gesamten Verkehr in Deutschland lahmlegen kann. Mit dem bisher längsten Streik der Geschichte erregt Claus Weselsky die Gemüter seiner Mitbürger außerordentlich. Er ist anscheinend davon überzeugt, einer guten Sache zu dienen, und bittet daher vor laufender Kamera die Nation um Verständnis. Doch welche Motive hat Claus Weselsky wirklich?

Bild: © matteo avanzi – Fotolia.com

Claus Weselsky wurde 1959 als Sohn einer Arbeiterfamilie in Dresden geboren und wuchs in der Nähe von Dresden ländlich auf. Nach der Lehre als Dieselmotorenschlosser erlernte Weselsky den Beruf des Schienenfahrzeugschlossers und absolvierte anschließend die Ausbildung zum Lokomotivführer. Im Mai 1990 trat Weselsky der ersten freien Gewerkschaft, der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), bei und wurde zum Personalrats- und Betriebsratsmitglied berufen. 1992 war er als Gewerkschaftsfunktionär tätig und beendete seine Tätigkeit als Lokführer. Nachdem er stellvertretender Bundesvorsitzender der GDL geworden war, übernahm er ab Mai 2008 die Funktion des Bundesvorsitzenden.

Seit 2002 ist Claus Weselsky gänzlich vom Dienst freigestellt, um sich voll auf seine Funktion als Geschwerkschaftsfunktionär konzentrieren zu können. Er zeigte sich bereits damals schon als kompromisslosen Verhandlungsführer, der sich für die Interessen der Lokführer einsetzte. Nach monatelangem Streit erkämpfte er im August 2008 ein sattes Lohnplus von 11 Prozent. Mit dem Rückenwind durch dieses sensationelle Ergebnis wurde er dann wenige Monate später zum Nachfolger des damaligen GDL-Vorsitzenden Schell gewählt.

Claus Weselsky gilt als Rambo-Gewerkschafter

Er sagt, was er denkt, äußert unmissverständlich und schonungslos seine Meinung, nimmt auf andere keine Rücksicht und teilt kräftig aus. Nicht selten schießt er dabei über das Ziel hinaus und zieht fragwürdige Vergleiche oder macht fragwürdige Aussagen über Dritte. Auch neigt er gerne zu Dominanzgebärden und vollmundigen Äußerungen wie „Wir können auch härter und schneller“ oder „Wir sind lange genug verschaukelt worden“.

Mit schnellem, energischem Schritt und natürlich – wie es sich für narzisstische Personen gehört – mit reichlich Verspätung schreitet er zum Rednerpult und verteilt verbale Schläge. Seine gesamte Haltung, Sprache, Mimik und Gestik machen nicht den Eindruck, als könne man mit ihm diskutieren. Er macht klar, dass nur sein Standpunkt akzeptabel ist, und weiß auf jedes Gegenargument eine passende Antwort, die meist mit weiteren Androhungen von Konsequenzen unterlegt wird, falls man nicht bereit sein sollte, ihm bedingungslos zu folgen.

Privat scheint Weselsky eher unauffällig zu sein

Seine Nachbarn attestieren ihm, dass er ein „netter Kerl“ ist und sie nichts Negatives über ihn berichten können. Freunde hat er kaum und ist eher als Einzelgänger bekannt. Umso mehr scheint er sich in seinem Beruf auszuleben und nach Aufmerksamkeit zu haschen. Weselsky nutzt die Bühne des Tarifstreits, um äußerlich für eine gute Sache zu kämpfen, in Wahrheit aber nur, um sich aufzublähen und sein Ego zu befriedigen. Mittlerweile wird er schon als „Chaos-Claus“ oder „Quälselsky“ tituliert.

Der Tarifkonflikt ist für ihn längst keine Angelegenheit mehr, in der zwei Parteien nach einem sachlichen Austauschen der Standpunkte und einem diplomatischen Verhalten einen gangbaren Kompromiss für beide Seiten zu finden versuchen, sondern ein narzisstischer Machtkampf, in dem er seine eigene Größe darstellen möchte. Er will ein ähnlich großartiges und einzigartiges Ergebnis in der Gewerkschaftswelt erzielen wie bereits 2008 vor seinem Amtsantritt als GDL-Führer – nur muss es diesmal noch besser ausfallen. Offenbar hat er den Ehrgeiz, sich ein ganz persönliches Denkmal zu setzen.

Er lässt jede Frist verstreichen, kein Vorschlag kommt seinen Vorstellungen nahe genug und er macht wenig Hoffnung auf eine schnelle Lösung. Sein schonungsloses und egoistisches Vorgehen verliert dabei jegliche Verhältnismäßigkeit und er erntet dafür jede Menge Kritik, zum Teil auch aus den eigenen Reihen. Sein Vorgänger bezeichnet ihn bereits als Egomanen.

Derweil stehen die Güterzüge still

Fahrgäste finden keine Verbindungen, Autobahnen sind überfüllt, PKW-Fahrer müssen mit Staus und längeren Anfahrtszeiten rechnen und Pendler kommen reihenweise zu spät zur Arbeit. Die Industrie kann das große Vertrauen in ihre Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit nicht mehr als gerechtfertigt erscheinen lassen: Das unberechenbare Vorgehen des Claus Weselsky erschüttert den gesamten Wirtschaftsstandort in seinen Grundfesten. Die Verbohrtheit des Gewerkschaftsführers ist nicht mehr nachvollziehbar, da immerhin diskutable Lohnangebote von Arbeitgeberseite vorliegen.

„Wer Wind sät, wird den Sturm ernten!“ Mit jedem Satz macht Weselsky deutlich, dass mit ihm nicht zu spaßen ist. Er will auch nicht nur für die Lokführer, sondern gleich auch noch für die Zugbegleiter, Lokrangierführer und Disponenten verhandeln. Reden tut er mit hochrotem Kopf, sein Blutdruck sprengt förmlich seinen Schädel – er ist eben ein Choleriker.

Diktatorischer Führungsstil und ein gepanzertes Auftreten 

Von seinem Vorgänger Manfred Schell wird er mit Mao oder Assad verglichen. Doch das alles macht auf ihn wenig Eindruck. Er lässt sich nicht in seinem Kurs beirren und geht konsequent seinen Weg, von dem nur er weiß, wo er hinführt. „Ich stelle meine Entscheidungen nie infrage. Selbst wenn sich morgen eine Entscheidung als falsch herausstellt, so war sie zum Zeitpunkt, als ich sie getroffen habe, richtig“, stellt er unerschütterlich fest.

Am Beispiel von Claus Weselsky wird einmal mehr deutlich, wie sich eine narzisstische Karriere entwickelt. Aufgrund seines enormen Ehrgeizes und Fleißes, seines unerschütterlichen Auftretens, seines konsequenten Vorgehens mit einer selbstbewussten und dominanten Ausstrahlung, seiner mangelnden Rücksichtnahme auf Dritte und seiner gnadenlosen Unnachgiebigkeit scheint er für diese Aufgabe der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Ausgestattet mit reichlich Macht und Einfluss und mit den entsprechenden Erfolgen im Rücken kommen solche Narzissten früher oder später immer an den Punkt, an dem sie den Boden unter den Füßen verlieren und förmlich abheben. Sie glauben, alles sei möglich, und können sich daher niemals mit dem Mittelmaß zufrieden geben. Ihre Position wird nicht dazu genutzt, einen positiven Einfluss auszuüben und die Angelegenheit für alle Beteiligten zum Guten zu wenden, sondern die Führerschaft wird dazu missbraucht, die eigenen narzisstischen Ziele zu erreichen und sich an der eigenen Größe zu berauschen.

Was führt er wirklich im Schilde?

Die Frage dürfte erlaubt sein, was Herr Weselsky ganz persönlich von diesem Vorgehen haben könnte. Will er in Wahrheit in den Bundesvorstand des DGB aufrücken oder sich gar noch für weitere und höhere Ämter empfehlen? Ein Narzisst will immer mehr! Er wird niemals satt. Daher darf man davon ausgehen, dass er sich einen ganz besonderen Ruf verschaffen möchte, um sich zur nächsthöheren Position hinaufzuschwingen. Dabei spielen die Lokführer, die Bahnangestellten, der Bahnvorstand, die Fahrgäste und andere Verkehrsteilnehmer nur eine untergeordnete Rolle und dienen ihm als Plattform, um sich selbst zu positionieren.

Zur Hilfe kommen ihm dabei ein mangelndes Gewissen und völlig fehlendes Schuldgefühl. Die Verantwortung für den Zusammenbruch des Verkehrs wird mit größter Selbstverständlichkeit den anderen in die Schuhe geschoben. An den ausgelösten Zuständen trägt er keine Schuld – er reagiert nur auf die unzureichenden Angebote der Gegenseite. Und diese, so stellt er es der Einfachheit halber dar, lasse ihm keine andere Wahl! Er sieht sich als Opfer und keinesfalls als Täter.

Er kämpft bis zum bitteren Ende

Mittlerweile dürfte für ihn auch tatsächlich gar kein anderer Weg mehr möglich sein, als bis zum bitteren Ende gnadenlos weiterzukämpfen. Alles andere würde ja wie ein Einknicken wirken, was man ihm als Schwäche auslegen könnte und nicht als einen vernünftigen Schritt. Weselsky will als der starke Gewerkschaftsboss gelten, der nicht mit sich spielen lässt.

Narzissten schlagen sich nicht mit Gewissensfragen herum, weshalb sie so entschieden und skrupellos vorgehen können. Sie nutzen die Bühne und die Vorteile eines Systems zu ihrem eigenen Vorteil. Sie geben sich nach außen hochanständig und scheinen sich regelkonform zu verhalten, doch in Wahrheit scheren sie sich nicht um Gesetze und Sitten.

Fragwürdig bleibt dann auch, warum sich Weselsky ausgerechnet Martin Luther als Vorbild genommen hat, der zwar auch als stur, unbelehrbar und kämpferisch galt, doch letztlich für seine Ideale einstand. Auch hierin wird einmal mehr die Scheinheiligkeit von Narzissten deutlich: Sie nutzen große Vorbilder, um ihre wenig ruhmreichen Absichten zu verhüllen, und geben sich als barmherziger Samariter.

Die unter der Rubrik „Narzisstische Beispiele“ aufgeführten Persönlichkeiten sollen als Beispiele für Personen gelten, die auffallend narzisstische Züge haben oder situativ narzisstisch handeln. Ob die dargestellten Persönlichkeiten auch tatsächlich eine narzisstische Persönlichkeitsstörung haben, soll und kann anhand der Beschreibungen nicht unterstellt werden.


Veröffentlicht in Narzisstische Lebensläufe
5 Kommentare zu “Weselsky: Wenn die Züge stillstehen!
  1. Kathlen sagt:

    Ich brauche dringend Hilfe!
    Habe einen Narzisstischen Mitarbeiter gekündigt und nun eine Welle der Empörung mit Forderungen der Rücknahme der Kündigung u.s.w.Es ist fast nicht auszuhalten.
    Wer kann ein Coaching im Vorstand eines Vereins, der Träger einer Kita ist,
    helfen und den Leuten plausibel erklären, dass der gekündigte mit seinem Wesen niemals Chef der Kita werden soll. Denn das wollen sie.

  2. JoHanna sagt:

    Wenn Sie wüssten wieviele vermeintliche Narzissten bei der DB sitzen, also welche Verhandlungspartner dieser Mann vor sich hatte, wird sein Verhalten evtl. unter einem anderen Licht gesehen. Hinzu kommt, dass die Politik in Deutschland darauf abzielt nur noch große Gewerkschaften leben zu lassen. Was das heißt wird sich die Mehrheit des Volkes auch erst hinterher ausrechnen.
    Bei den PolitikerInnen hätten Sie doch ein großes Betätigungsfeld – was aber Konsequenzen hätte.

    Einen Artikel mit „…seine Motivation“ und „gilt als“ und „scheint“ lässt auf reine Vermutungen Ihrerseits schließen. Nicht sehr seriös.

  3. Elisabeth sagt:

    Sehr geehrter Herr Grüttefien!
    Vielen Dank für diesen Beitrag, er ist wirklich notwendig!

    Bis heute wird tabuisiert, dass Narzissten auf Kosten anderer ihren Willen durchsetzen oder/und sich an anderen rächen.
    Den so genannten Amokläufern könnte man das Prädikat „narzisstisch“ mit Sicherheit in den allermeisten Fällen aufdrücken.

    Man denke da zuletzt an den Germanwings-Copiloten, der – inzwischen nachweislich! – aus Frust rund 150 Menschen mit in den Tod riss!
    Doch wie viele meinen immer noch, dass ein Unschuldiger am Pranger steht, weil sich nur wenige Menschen vorstellen können, dass überhaupt jemand unserer westlichen Kultur so weit gehen kann!
    Ich kann da nur sagen: Mensch Leute, wacht endlich auf! Schaut hin!

    VG, Elisabeth

    • Nur der Vollständigkeit halber möchte ich hier erwähnen, dass sich Amokläufer in der Regel über einen sehr langen Zeitraum ausgesprochen unauffällig verhalten und ein scheinbar normales Leben führen. Das Ausleben ihrer narzisstischen Bedürfnisse wird sehr lange Zeit unterdrückt und entäußerst sich dann in einem plötzlichen Ausbruch der aufgestauten narzisstischen Wut mit unfassbaren, katastrophalen Auswirkungen. Insofern möchte ich hier auf die Abgrenzung zu Herrn Weselsky hinweisen, dessen narzisstischen Eigenarten sich auf eine ganz andere Art und Weise äußern.

      • Elisabeth sagt:

        Ja, das stimmt!
        Wobei beispielsweise Depressionen und plötzliche Lebensänderungen (Kündigung, Umzug, Seitensprung) durchaus auch schon vorher darauf hinweisen können.

        Am schlimmsten ist es natürlich, wenn ein Narzisst eine Prüfung nicht schafft bzw. dvon bedroht ist, entlassen zu werden oder sonst irgendwie in der Verfolgung seiner (Traum-)Ziele behindert wird.
        In solchen Situationen eskaliert dann die bis dahin unterdrückte Wut!

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