Narzissten als Lebenspartner

Partnerschaft und Narzissmus passen eigentlich nicht zusammen, denn der Narzissmus beschreibt einen Menschen, der völlig auf sich selbst bezogen ist, egoistisch und rücksichtslos einseitig auf die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse achtet, seinen Mitmenschen wenig Interesse entgegenbringt und sich nicht in die Gefühlswelt des anderen hineinversetzen kann. Ein Narzisst lässt wesentliche Fähigkeiten, die für eine glückliche Beziehung unabdingbar sind, vermissen. 

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Somit kann beim Narzissmus nicht von einer echten Partnerschaft gesprochen werden. Hier verlieben sich nicht zwei Menschen auf Augenhöhe, die sich gegenseitig respektieren, in liebevoller Weise füreinander einsetzen und gegenseitig unterstützen. Für den Narzissten geht es vielmehr darum, einen Partner an seiner Seite zu haben, der ihn unentwegt für seine Großartigkeit bewundert, der ihm die lästigen Alltagssorgen abnimmt und ihn nach allen Regeln der Kunst verwöhnt. Er will keine eigenständige, selbstbewusste Person an seiner Seite, mit der er eine gleichberechtigte Beziehung führen kann, sondern eine Marionette, die nach seiner Pfeife tanzt und auf ein authentisches Eigenleben verzichtet.

Insofern schließen sich Partnerschaft und Narzissmus eher aus, als dass sie kompatibel wären. Narzissmus hat etwas Monarchisches und Diktatorisches an sich. Demokratische Verhältnisse sind in der Beziehung mit einem Narzissten nicht zu erwarten. Er spricht zwar nach außen von einer perfekten Partnerschaft, in der sich beide gut verstehen und wunderbar ergänzen, meint damit aber etwas anderes: Er versteht darunter, dass die Partnerschaft deshalb so gut funktioniert, weil sich der Partner des Narzissten ganz auf ihn einstellt und dieser sich ganz nach den Vorstellungen des Narzissten verhält. In der Begrifflichkeit dürfte ein Missverständnis vorliegen, das aber selten hinterfragt wird.

Die typischen Partner von Narzissten sind bescheidene Menschen, die keine eigenen Ansprüche stellen und ein geringes Selbstwertgefühl haben. Sie stellen ihre Person für den Partner in den Hintergrund und opfern sich für dessen Bedürfnisse. Sie sehen ihre Erfüllung darin, sich voll und ganz auf einen anderen Menschen einzustellen und ihm zu dienen. Insofern stellt sich für diese Partner auch nicht die Frage, ob sie sich in einer gleichberechtigten Partnerschaft befinden. Sie wollen zu jemandem aufsehen und ihn bewundern.

Jeder zieht seinen Nutzen aus der Partnerschaft

Dabei tun sie dies letztlich aus einem ähnlichen Grund wie der Narzisst, nämlich um für ihre Bewunderungsdienste die ersehnte Beachtung und Würdigung zu erfahren, nur mit anderen Vorzeichen. Ihr Verhalten hat eben auch narzisstische Wurzeln, weshalb man bei dem typischen Partner von Narzissten auch vom Co-Narzissten oder Komplementärnarzissten spricht. Somit bilden Partnerschaft und Narzissmus im Wesentlichen eine Gemeinschaft zur gegenseitigen Befriedigung von Bedürfnissen. Der eine nützt dem anderen.

Das Fatale in dieser Partnerschaft ist jedoch, dass sich die Co-Partner so sehr anstrengen können, wie sie wollen: Es wird nie genug sein. Das niemals enden wollende Bedürfnis des Narzissten nach Bewunderung ist nicht zu stillen. Wenn der Partner sich nicht hundertprozentig auf die Wünsche des Narzissten einstellt und ihn nicht in jeder Sekunde so behandelt, wie dieser es sich vorstellt, hat er ein Problem. Narzissten haben für mangelnde Gewissenhaftigkeit kein Verständnis. Sie stellen immer größere Forderungen und merken gar nicht, wie sehr sie ihren Partner damit belasten.

Ein Narzisst hat nicht die menschliche Angewohnheit, sich für die Wohltätigkeiten, die ihm in einer Partnerschaft entgegengebracht werden, zu bedanken oder gar die gleiche Wertschätzung dem Partner entgegenzubringen. Er hält die Dienste des Partners für selbstverständlich, die keines ausdrücklichen Dankes bedürfen. Mit einem so großartigen Menschen zusammenleben zu dürfen erscheint ihm Dank genug. In der Partnerschaft misst der Narzisst eben mit zweierlei Maß.

Ein Narzisst versteht es meisterlich, seinen Partner zu umgarnen

Dabei fühlt sich am Anfang einer Beziehung alles noch so gut an. Absolut nichts scheint darauf hinzudeuten, dass diese Liebe zu einem wahren Albtraum werden könnte. Narzissten sind erfolgreiche, charmante Personen mit einer attraktiven Ausstrahlung, mit der sie jeden in ihren Bann ziehen können. Ein Narzisst weiß, wie er die Gunst eines potenziellen Partners gewinnen kann. Er gibt ihm das Gefühl, etwas ganz Besonderes zu sein, er wertschätzt ihn und schmeichelt ihm. Er weiß das mangelnde Selbstwertgefühl des Partners aufzubauen. Oft stellt er ihm die Erfüllung seiner sehnlichsten Wünsche in Aussicht und verspricht seinem Partner, ihn für den Rest seines Lebens auf Händen zu tragen.

Wer hört nicht gerne Komplimente, und wer lässt sich nicht gerne zauberhaft verführen? Es ist nicht leicht, einem Narzissten zu widerstehen. Dabei sind die typischen Partner keine Dummerchen, die sich nicht zu helfen wissen und im Leben keinen Durchblick haben. Es sind durchaus gebildete Personen jeglicher Altersstufe, jeglichen Gesellschaftsmilieu und mit jeglichem finanziellen oder kulturellen Hintergrund. Jeder kann an einen Narzissten geraten!

Daher kann nur jedem geraten werden, der im Begriff ist, sich frisch zu verlieben, bereits in den Anfängen auf narzisstische Elemente zu achten, bevor man verblendet wird. Gerade die einmalige Inszenierung des Narzissten, das großartige und übertriebene Werben um die Gunst des anderen und sein beeindruckendes und durchaus charmantes Auftreten sollten allein schon Anlass zur Vorsicht geben. Wer erst einmal in den Fängen des Narzissten feststeckt und sich nichts ahnend auf ihn eingelassen hat, wird diesen Fehler in der Regel sehr teuer bezahlen müssen.

Ein Narzisst macht sich in der Partnerschaft breit

Im Laufe der Beziehung wird der Narzisst immer mehr Platz beanspruchen. Alles muss sich um ihn drehen. Von den großzügigen Gesten am Anfang der Beziehung bleibt nicht mehr viel. Er vereinnahmt den Partner auf ungehörige Weise und betrachtet ihn förmlich als sein Eigentum. Der Respekt schwindet auf ein unerträgliches Minimum, stattdessen entwickelt er regelrecht Freude daran, seinen Partner von oben herab zu behandeln, ihn zu drangsalieren und systematisch zu entwerten. Der Partner darf auf gar keinen Fall Macht über ihn gewinnen. Daher tut er alles, um dessen Selbstwertgefühl zu erschüttern, ihn zu verunsichern oder zu kränken.

Der eigentliche Beziehungskonflikt steckt im extremen Gegensatz der beiden. Der Narzisst steigert sein Selbstwertgefühl durch die permanente Bewunderung des Partners und dieser seinerseits durch die Idealisierung des Narzissten und die Verschmelzung mit ihm. Diese Unterschiedlichkeit dient dem jeweils anderen auf seine Weise. Gleichzeitig macht sich aber auch jeder abhängig vom anderen. Hierin stecken Risiko und Chance zugleich: Wenn jeder sich auf seine Rolle beschränkt – der Narzisst nimmt und empfängt, der Komplementärnarzisst gibt und nährt – so kann die Partnerschaft durchaus funktionieren.

Die trügerische Harmonie kann leicht gestört werden

In der Regel wird der Narzisst aber mit der Zeit misstrauisch werden und Angst davor haben, von seinem Partner abhängig zu werden. Der Narzisst wird einen Streit beginnen und somit das eingeschwungene Verhältnis, auf das sich beide unbewusst eingestellt haben, aus dem Gleichgewicht bringen. Es kann aber auch sein, dass der Partner sich seiner Bewunderungspflicht entzieht und beginnt, seinen eigenen Selbstverwirklichungsträumen nachzugehen. Auch hierin steckt ein Konfliktpotenzial, weil der Narzisst nicht akzeptieren kann, dass der Partner plötzlich eigenständiger wird und ihn nicht mehr in den Mittelpunkt stellt. Mit allen Mitteln wird er versuchen, die alte Ordnung wiederherzustellen.

Kommt es in der Folge durch die ständigen Verletzungen des Narzissten – oder weil er einfach nach einem neuen Abenteuer sucht – zu einer Trennung, verläuft diese in der Regel dramatisch. Der Narzisst verhält sich in dieser Situation keineswegs wie ein Kavalier, so wie zu Beginn der Beziehung. Wenn er sich aus der Beziehung lösen möchte, will er ein schnelles Ende ohne viele Diskussionen. Wird er vom Partner verlassen, empfindet er dies als Niederlage und sieht sich als Opfer. Die Kränkung wird bei ihm eine kaum zu bändigende Wut auslösen, die sich in einem Rachefeldzug äußern kann.

Die Verbindung Partnerschaft und Narzissmus bedeutet immer eine Art Zweckgemeinschaft, in der die Machtverhältnisse und die Aufgabenteilung schnell reguliert werden. Wenn es in einer Beziehung gelingt, den Narzissmus zu überwinden, kann daraus eine echte Partnerschaft mit gegenseitigem Respekt füreinander und einer persönlichen Weiterentwicklung beider entspringen. Doch im Grunde steht das Element des krankhaften Narzissmus konträr zu einer echten Partnerschaft. Krankhafter Narzissmus meint Selbstbezogenheit, Egoismus und Respektlosigkeit. Wer aber nicht bereit ist, sich in einer Partnerschaft zurückzunehmen und nicht darauf achtet, gleichermaßen das DU und das WIR zu pflegen, kann nicht wirklich von einer gleichberechtigten Partnerschaft sprechen.