Ich meine es doch nur gut!

Wenn alle Argumente versagen, zeigt als letzter Versuch häufig der folgende Satz Wirkung: „Ich meine es doch nur gut mit dir!“ Diese abgedroschene Phrase löst beim Gegenüber meist Zweifel aus: Er ist sich auf einmal nicht mehr sicher, ob er nicht doch besser auf einen anderen hören sollte, obwohl er sich zuvor noch gegen die Einmischung wehrte. Der Narzisst nutzt diesen Satz gezielt zur Manipulation, um seinem Partner in der Beziehung seinen Willen aufzuzwingen.

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Ein Narzisst kann es nicht unterlassen, sich in das Leben seines Partners einzumischen, ständig an ihm herumzumäkeln und ihm unentwegt seine klugen Ratschläge unter die Nase zu reiben. Ununterbrochen will er seinen Partner darüber belehren, wie sich dieser in einer konkreten Situation verhalten sollte. Dies kann entweder sämtliche Lebensbereiche des Partners betreffen oder sich lediglich auf bestimmte Teilbereiche beziehen. Wird das große Interesse des Narzissten an seinem Partner anfänglich noch als freundliche Fürsorge gedeutet, gehen dem Partner die vielen Tipps und „Weisheiten“ später zunehmend auf die Nerven.

Der Narzisst teilt nämlich auch dann seine Meinung mit, wenn er gar nicht gefragt wird, ihn die Angelegenheit überhaupt nicht betrifft oder es angemessen wäre, sich aus Diskretion mit gewissen Kommentaren zurückzuhalten. Diese feinen Unterscheidungen sind dem Narzissten jedoch nicht möglich. Er ist davon überzeugt, dass alles, was im Leben seines Partners geschieht, ausnahmslos auch ihn angeht. Daher empfindet er sein Eingreifen nicht als Grenzüberschreitung, sondern als notwendige Hilfe.

Der Narzisst verleibt sich im Laufe der Beziehung seinen Partner ein, um sein Selbstbild von der eigenen Großartigkeit durch dessen Vorzüge steigern zu können. Der Partner muss daher stets dem Ideal des Narzissten entsprechen, damit dieser sich in seinem Selbstbild bestätigt fühlt. Verhält sich der Partner gegenteilig und oder in seinen Augen unpassend, fürchtet der Narzisst um sein Image.

Daher ist es für den Narzissten von vorrangigem Interesse, wie sich sein Partner verhält, wie er aussieht, womit er sich beschäftigt und welche Entscheidungen er trifft. Da das Auftreten des Partners stets mit den Vorstellungen des Narzissten einhergehen muss, glaubt dieser, eine strikte Kontrolle ausüben zu müssen – nicht, um den Partner bei dessen Angelegenheiten wirklich zu helfen, sondern um für sich selbst Schaden abzuwenden.

Der Partner fühlt sich drangsaliert

Meist haben die Bemerkungen des Narzissten weniger den Charakter einer gutgemeinten Empfehlung als vielmehr den Klang einer Belehrung, Maßregelung oder eines Befehls. Mit seinen Äußerungen übt er einen gewissen Druck auf seinen Partner aus, der seinen Worten keineswegs lediglich einen freundlichen Hinweis entnehmen kann. Dieser fühlt sich durch die unterschwellige Erwartungshaltung, den ironischen Unterton sowie die Unnachgiebigkeit des Narzissten eher dazu genötigt, dessen Vorstellungen zu folgen.

Nach außen versucht sich der Narzisst allerdings als verständnisvoll und tolerant zu zeigen. Er betont, dass er seinem Partner gern die Wahl überlässt, es aber begrüßen würde, wenn sich dieser für seinen Vorschlag entscheidet. Da der Partner in der Regel mindestens mit schlechter Laune, wenn nicht sogar mit offener Aggression rechnen muss, wenn er sich anderweitig entscheidet, stellt er seine eigenen Vorstellungen zugunsten des Friedens in der Beziehung zurück und passt sich an.

Nimmt der Partner die Hinweise und Bemerkungen des Narzissten hingegen nicht ernst und will er seinen eigenen Vorstellungen folgen, redet der Narzisst stundenlang auf ihn ein. In einem endlosen Monolog zählt er die zahlreichen Vorteile seiner genialen Empfehlung auf, wobei er die Argumente seines Partners systematisch abwertet. Während er die Vorzüge seiner Vorschläge allesamt begeistert schildert, werden die Vorstellungen des Partners ausschließlich als unpassend oder schädlich bewertet.

Der Partner wird verunsichert

Auf diese Weise löst der Narzisst bei seinem Partner anhaltende Selbstzweifel aus. Dieser ist sich aufgrund der überzeugenden Argumente des Narzissten auf einmal nicht mehr so sicher, ob er wirklich seiner inneren Stimme folgen soll oder ob seine Einschätzungen am Ende falsch sind. Um sich später nicht mit der Kritik des Narzissten auseinandersetzen zu müssen oder gar von dem Narzissten ausgelacht oder verhöhnt zu werden, schließt sich der Partner der Meinung des Narzissten an und beendet so die quälenden Zweifel.

Meist hilft der Narzisst bei der Entscheidungsfindung seines Partners auch elegant nach, indem er behauptet: „Ich meine es doch nur gut!“ Der Narzisst will damit seine große Anteilnahme sowie Fürsorglichkeit herausstellen und meint, so sein aufdringliches Verhalten rechtfertigen zu können. Er gibt glaubhaft vor, nur das Beste für seinen Partner zu wollen und sich daher so selbstlos um ihn zu bemühen.

Der Partner glaubt daraufhin, in der Schuld des Narzissten zu stehen und daher dessen Willen folgen zu müssen. Er ist der Ansicht, ihn nicht enttäuschen zu dürfen, wenn der Narzisst schon bereit ist, so viel Interesse an ihm zu zeigen, sich um sein Wohl zu kümmern und sich sogar für ihn zu opfern. Er glaubt unbewusst, dem Narzissten verpflichtet zu sein und daher gar keine andere Wahl zu haben, als seinen Rat anzunehmen.

Mit dem Satz „Ich meine es doch nur gut!“ wird der Partner letztlich zum Schweigen gebracht, wenn alle anderen Argumente versagen. Wenn der Narzisst mit treuherzigem Blick vor seinem Partner steht und mit einem Seufzer diese Worte äußert, mag der Partner nicht länger dagegenhalten und knickt ein. Er hat dann zugleich eine Motivation, den Vorstellungen des Narzissten zu folgen: Er tut es, um ihm seine Dankbarkeit für dessen große Fürsorglichkeit auszudrücken und ihm einen Gefallen zu tun.

Der Satz „Ich meine es doch nur gut!“ wird mit der Zeit zum Universalmittel

Da mit der Aussage „Ich meine es doch nur gut!“ der Partner allzu leicht beeinflussbar ist, wird dieses Argument von dem Narzissten schließlich auch bei Verhaltensweisen eingesetzt, die eigentlich nicht mit dieser simplen Phrase zu rechtfertigen sind. Der Narzisst entwendet beispielsweise persönliche Gegenstände seines Partners, ohne diesen zu fragen, verhängt Verbote und führt bei einer Zuwiderhandlung harte Bestrafungen durch, isoliert seinen Partner von der Außenwelt, hält ihn finanziell klein oder setzt sogar körperliche Gewalt ein. Dies alles geschieht dann angeblich zum Besten des Partners.

Es ist dann nicht an Plumpheit und Dreistigkeit zu übertreffen, dass der Narzisst glaubt, sein völlig unangemessenes und niederträchtiges Verhalten durch einen solch scheinheiligen Spruch aus der Welt schaffen zu können. Doch sein reumütiger Blick und seine glaubwürdige Beteuerung, wenn er seiner Gemeinheiten überführt wurde, erweichen den Partner in der Regel wieder. Dieser ist dann bereit, zu verzeihen und dem Narzissten eine weitere Chance zu geben.

Es ist keineswegs immer leicht, den Narzissten und seine wahren Absichten zu durchschauen. Er ist eben ein brillanter Schauspieler und das, was er nach außen vorzugeben versucht, muss längst nicht seiner wahren Motivation entsprechen. Sein Charme, seine Redekunst, seine Überzeugungsfähigkeit und vor allem seine dominante Ausstrahlung sowie seine überhöhte Erwartungshaltung machen es dem Partner nicht gerade leicht, sich abzugrenzen und seinen eigenen Vorstellungen treu zu bleiben. Der Partner gerät durch die subtilen Manipulationen des Narzissten immer wieder in einen Widerstreit zwischen seinen eigenen Überzeugungen und den Vorstellungen des Narzissten. In einem Zustand anhaltender Selbstzweifel kann dann der Satz „Ich meine es doch nur gut!“ den entscheidenden Impuls dafür geben, dem Partner seine Selbstunsicherheit zu nehmen.

Die hier beschriebenen anormalen Verhaltensmuster können auch im Rahmen anderer Persönlichkeitsstörungen oder psychischer Erkrankungen auftreten. Sie sind nicht explizit nur bei einem Narzissten zu beobachten, wenngleich sie hier besonders häufig und deutlich auftreten können. Das hier beschriebene Verhalten muss aber nicht automatisch bei jedem Narzissten vorhanden sein und es kann auch situativ bei ansonsten psychisch unauffälligen Personen auftreten.


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Veröffentlicht in Beziehung mit einem Narzissten, Blog
12 Kommentare zu “Ich meine es doch nur gut!
  1. Bärbel M. sagt:

    Uff, bei dem Artikel fällt mir sofort eine Frau ein, die ich neulich kennen lernte.
    Obwohl sie mir Aufmerksamkeit schenkt und zuhört und mich immer fragt, wie es mir geht usw.
    hatte ich ständig so ein unangehmes Bauchgefühl, dass irgendwas mit ihr nicht stimmt.
    Ich fühlte mich nicht gesehen, sondern beobachtet, kontrolliert, manipuliert.
    Und neulich bei einem Telefonat, als sie anfing, wieder mal zu jammern auf Gott und die Welt und vor allem ihr eigenes Leben (aber verändern will sie nichts, sie ist stur und hat einen Tunnelblick, sieht Lösungen nicht) da habe ich gemerkt, wie sie mir mal wieder einen Stein um den Hals band.
    Ich habe dann einen heftigen Streit provoziert, damit ich die „Beziehung“ beenden kann.
    Denn „normal“ kann man eine solche nicht beenden. Die Typen kommen immer wieder, sie brauchen permanent ein Objekt, das sie manipulieren können, weil sie Angst davor haben, mal bei sich selber aufzuräumen.

    • Sandra sagt:

      Ich bin gerade geschockt und erleichtert zugleich. Zeit meines Lebens war ich bemüht es meinem Vater Recht zu machen. Eine Klassenarbeit die mit „sehr gut“ benotet worden war (als einzige 1 in der Klasse) schleuderte er in die Ecke mit den Worten : von mir hättest du dafür keine 1 bekommen!
      Die Misshandlungen, Demütigungen und sonstige Fehler in der Erziehung habe ich meinem Vater im Laufe der Jahre verziehen. Aber meine Sehnsucht nach einem Lob aus seinem Mund würde niemals gestillt. Nun ist er verstorben und ich dachte zuerst, dass ich nun endlich zur Ruhe kommen und meine Bemühungen einstellen kann. Doch dann wurde mir bewusst, dass die Möglichkeit ein Lob von ihm zu bekommen, nicht mehr gegeben ist. Und das frisst mich auf!

      • Lise1 sagt:

        Man kann sich auch von verstor einen Eltern lösen.

        Du bist erwachsen und HAST ES NICHT MEHR NÖTIG! , vom Vater gelobt zu werden.
        Da bist du rausgewachsen, es ist überflüssig, daran festzuhalten.

        Es gibt wertvolle und ehrliche Anerkennung überall, das ist für die erwachsene Frau in dir angemessen

        Wenn dir der Schritt da raus zu schwer vorkommt, es gibt gute Hilfen, dass du frei und erwachsen wirst. Du erlaubst ihm immer noch, dich zu quälen, bist immer noch völlig umsonst Nachfolgerin und beendet drin Manipuliert werden nicht. Warum eigentlich?

  2. Ursula sagt:

    Diese Scheinheiligkeit ist besonders traumatisierend, wenn sie von einem Elternteil einem Kind gegenüber ausgeübt wird. Ich habe über 40 Jahre gebraucht, um zu verstehen, was da abgeht und abging. Im hier und jetzt als über Narzissmus aufgeklärte Erwachesene kann ich angemessen reagieren, damals und in meiner Jugend war es unmöglich. Bitter ist es…. aber nicht zu ändern. Höchstens mit grosser Arbeit des Verzeihens endlich in den Griff zu kriegen…

    • N. sagt:

      Hallo Ursula, ja, bitter ist es. Sogar sehr bitter, wenn man als Kind/Jugendliche einen narzisstischen Elternteil hat. In meinem Fall ist meine Mutter narzisstisch gestört. Meinen Vater hat sie nach wie vor komplett unter der Fuchtel. Von ihm war und ist absolut keine Hilfe zu erwarten, er muss oft genug versuchen, seine eigene Haut zu retten. Das klappt natürlich eher schlecht als recht…
      Ich (mittlerweile Ende 40) habe mich vor ca. 1,5 Jahren entschieden, mich von meinen Eltern fast komplett zurückzuziehen. Diese Distanz tut sehr gut, sie lässt die dauerhaften seelischen Verletzungen langsam heilen.
      Aber Verzeihen? Das ist mir nicht möglich. Es ist ja viel zu viel kaputt gegangen.

    • Melanie sagt:

      Liebe Ursula

      das kann ich nachvollziehen. Wenn ein Urvertrauen mal weg ist, hat das große Auswirkungen auch später und auch auf andere Personen bezogen.
      Aber du wirst es schaffen. Es gibt einen kleinen Trick, den ich immer anwende:
      „Erwarte nichts von anderen, hab dich selber lieb und bleib dir treu“

      Dann wirst du nur positiv überrascht, wenn du mal wirklich jemand triffst, der integer ist.

      Alles Gute

    • Angi sagt:

      Hallo Ursula,
      mir geht es auch so. Kann dich sehr gut verstehen. Ich arbeite jetzt (hoffentlich erfolgreich) am Selbstschutz und meinem Selbstwertgefühl. Ich bin den Eltern nichts (mehr) schuldig.

      • Lise1 sagt:

        Angie, du warst deinen Eltern nie etwas schuldig! Das ist ein beliebter Irrtum, damit man in Abhängigkeit und schlechtem Gewissen verbleibt.

  3. w. sagt:

    Dieser Text trifft mal wieder voll ins Schwarze.

    Mein Ex nannte es „Meinungsaustausch“….“Sie kommt mit ihrer Meinung und geht mit meiner“.

    Leider habe ich ihm viel zu lange geglaubt das es es gut mit mir meint, einfach weil es normal gewesen wäre.

    Aber er hat noch am Vorabend meines Auszuges behauptet es doch nur gut mit mir zu meinen als er mir erklärt hat es sei auf jeden Fall besser für mich wenn ich mich nicht scheiden ließe.

    Begründung war:

    Das kannst du nicht machen, denk doch daran, das du in dem Fall keine Witwenrente mehr von mir bekommst…ich meine es doch nur gut mit dir!!!

    Gemeint hat er aber: Scheiße, wenn sie sich jetzt scheiden lässt bekommt sie meine Rentenpunkte.

    Ja er hat es immer nur gut gemeint….mit sich!!!

    W.

  4. Waltraud sagt:

    Oh man, das trifft es sowas von auf den Punkt. Bei mir hat es dazu geführt, das ich nicht mehr wusste wo links und rechts ist und bin ins absolute Chaos gestürzt und mein Narzisst hatte somit freie Bahn. Danach war ich schlauer; nämlich die Erkenntnis, ich hab’s mit einem Gestörten zu tun und nach ausgiebiger Recherche war ich mir sicher; er ist ein Soziopath.

    • Lilli sagt:

      Hallo,

      meine Mutter hat mir immer klar gemacht, was sie will wäre gut und selbstverständlich für mich.
      Ich habe sehr lange gebraucht, bis ich begriff, dass es nicht gut und selbstverständlich für mich war,
      mir von Egozentrikern Forderungen aufdrängen zu lassen und für sie wie selbstverständlich die Verantwortung zu übernehmen.
      Nach dem Verschmerzen der Verluste,
      lebe ich heute selber.

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