Warum man Narzissmus verstehen muss

Man muss den Narzissmus verstehen lernen, um einschätzen zu können, bis zu welchem Punkt Narzissmus konstruktiv und förderlich wirkt und ab wann er destruktiv und hinderlich oder gar zerstörerisch ist. Nur wenn man sich tiefgehend mit dieser Materie beschäftigt und das Prinzip des Narzissmus erkannt und verinnerlicht hat, kann man sich vor den negativen Auswirkungen und Konsequenzen dieser schädlichen Energie schützen und ihr wirksam entgegenwirken.

Warum man Narzissmus verstehen muss

Bild: © prazis – 123rf.com

Es reicht nicht, narzisstischen Missbrauch in einer Beziehung lediglich zu erkennen, sondern man muss krankhaften Narzissmus auch verstehen lernen und die treibende Energie hinter dem egoistischen und rücksichtslosen Verhalten eines Narzissten spüren und begreifen. Zu erkennen, dass der Partner ein narzisstisch gestörtes Verhalten zeigt und damit ein erhebliches Konfliktpotenzial in die Beziehung trägt, ist das eine. Das andere ist, die Wirkungsweise des Narzissmus zu realisieren und sie umfassend zu verstehen, um zu lernen, wie man mit narzisstischem Verhalten umgehen und wie man sich darauf einstellen kann.

Aus den folgenden Gründen ist es wichtig, Narzissmus zu verstehen:

  • Erkennen des unangemessenen Verhaltens des Narzissten in der Beziehung
  • Relativierung der eigenen Schuld an den Schwierigkeiten in der Beziehung
  • Verstehen der Persönlichkeitsstruktur des Narzissten
  • Erkennen der hohen Verletzbarkeit des Narzissten und der sich daraus ergebenden problematischen Form der Selbstwertregulierung und der Entwicklung ungünstiger Verhaltensmuster und Schutzmechanismen
  • Erkennen der Chancen und Risiken einer Beziehung mit einem Narzissten
  • Erkennen der eigenen narzisstischen Anteile und ihrer Auswirkungen in der Beziehung mit dem Narzissten
  • Angemessener Umgang mit narzisstischem Verhalten
  • Klare Abgrenzung und Positionierung gegenüber dem Narzissten
  • ggf. Vorbereitung und Durchführung einer weitgehend unkomplizierten Trennung

Es kann nur einen ersten Schritt darstellen, sich über das Krankheitsbild gründlich zu informieren und zu wissen, dass der Partner narzisstisch gestört ist oder eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hat. Wenn man aber eine Beziehung mit einem Narzissten führen oder sich trennen will, weil man dessen selbstherrliches und verletzendes Auftreten nicht länger ertragen kann, muss man tiefer in die Wesensart eines Narzissten eindringen. Um Selbstwirksamkeit erlangen, die Psychodynamik in der Interaktion mit einem Narzissten positiv beeinflussen und sich ihm gegenüber behaupten zu können, muss man Narzissmus wirklich verstehen.

Mit „Narzissmus verstehen“ meine ich, um die Bedürfnisse, Ängste und Sehnsüchte eines Narzissten zu wissen sowie dessen inneres Erleben nachempfinden zu können. Sie sollten lernen, sich in den Narzissten hineinzuversetzen und die Welt mit seinen Augen zu betrachten und zu erleben. Erst wenn man die Motive und Auswirkungen narzisstischen Verhaltens auch auf der emotionalen Ebene verinnerlicht hat, kann man Narzissmus verstehen und sich darauf einstellen. Verstehen geht somit weiter als das bloße Erkennen: Es beinhaltet, die tiefere Ursache und die mannigfaltigen Auswirkungen einer Erscheinung gleichermaßen rational und emotional zu erfassen.

Narzissmus verstehen, indem man sich in den Narzissten hineinversetzt

Hilfreich kann es dabei sein, sich selbst zu beobachten und festzustellen, ob man sich ebenfalls in bestimmten Situationen narzisstisch verhält oder reagiert. Jeder Mensch trägt narzisstische Anteile in sich, die situativ zum Vorschein kommen können. Dabei muss sich narzisstisches Verhalten nicht immer gleich störend in einer Beziehung auswirken. Es kann sich auch um harmlose Abwehrreaktionen oder einen normalen Ausdruck der Persönlichkeit  handeln. Narzisstisches Verhalten ist nicht grundsätzlich krankhaft und schädlich.

Wenn Sie Ihre eigenen narzisstischen Tendenzen beobachten und erkennen, warum Sie in bestimmten Situationen dieses Verhalten einsetzen und welche Motive Ihrerseits dahinterstecken, werden Sie auch leichter nachempfinden können, wie sich ein Narzisst fühlt, was in ihm vorgeht, was ihn zu einem solchen Verhalten bewegt und welche Ängste ihn antreiben. Der Narzisst wird für Sie auf einmal „lesbar“ und damit berechenbar, was Ihnen den Vorteil verschafft, sich in einer Interaktion besser auf ihn einstellen zu können. Das aufgeblasene, narzisstische Gehabe verliert auf einmal seinen Schrecken und Sie sehen in dem Narzissten einen Menschen, der eine hohe Verletzlichkeit in sich trägt, und hinter seinem hochmütigen Verhalten eine notwendige Schutzstrategie.

Mitgefühl hilft, Narzissmus zu verstehen und darin nicht nur rücksichtsloses und ausbeuterisches Verhalten zu sehen, sondern eine ungünstige Form der Selbstwertregulierung und Lebensgestaltung. Das bedeutet jedoch nicht, das destruktive Verhalten des Narzissten gutzuheißen und zu billigen. Es trägt nur wesentlich dazu bei, Verständnis für einen anderen oder für bestimmte Umstände entwickeln, objektiv bleiben und daher sinnvolle Ansatzpunkte für die Eindämmung narzisstischer Tendenzen finden zu können.

Narzissmus verstehen bedeutet, auch sich selbst verstehen zu lernen

Sie sollten sich ausführlich mit dem Thema Narzissmus beschäftigen und mit den Eigenschaften und Verhaltensweisen eines Narzissten vertraut machen. Nutzen Sie dazu einschlägige Fachliteratur, kompetente Internetseiten oder qualifizierte Vorträge, um das Prinzip des Narzissmus und seine vielen Facetten zu verstehen. Lernen Sie zu unterscheiden, wann es sich noch um normale oder vertretbare narzisstische Verhaltensweisen und Reaktionen handelt und ab wann die Schwelle zum Anormalen und Gestörten überschritten wird.

Je intensiver Betroffene sich mit dem Thema Narzissmus beschäftigen, desto eher verstehen sie, warum es in ihrer Beziehung mit dem Narzissten immer wieder zu Konflikten kommt und zwangsläufig auch kommen muss: Der Narzisst braucht seinen Partner in einer ihm dienlichen Weise, um darüber seinen Selbstwert zu regulieren. Bekommt er seine Bestätigung, ist er zufrieden, verweigert sich sein Partner, wird er launisch oder aggressiv. Narzissmus verstehen bedeutet, die Notwendigkeit der Selbstwertregulation dahinter zu erfassen und zu erkennen, dass manche Menschen dabei offenbar ein erhöhtes Verlangen nach Anerkennung haben, sonderbare und hochproblematische Methoden dafür wählen und zu diesem Zweck zwischenmenschliche Beziehungen ausnutzen.

Je klarer das Grundproblem des Narzissten hervortritt und je besser man die Schutzmechanismen aufdeckt, die eingesetzt werden, um den Selbstwert zu schützen, desto eher nimmt man ähnliche Mechanismen auch an sich selbst wahr. Man erkennt, dass man selbst ebenfalls zu narzisstischem Verhalten neigt – wenn auch vielleicht nicht in der Intensität, mit der es der Narzisst anwendet. Man erkennt seine eigene narzisstische Wunde und das eigene Bedürfnis, von anderen beachtet und geliebt, vielleicht auch hin und wieder bewundert zu werden, was dazu führt, die Zuwendung anderer selbst in manchen Situationen offen oder verdeckt einzufordern.

Narzissmus verstehen bedeutet, auch die anderen zu verstehen

Bei der Gewinnung von Erkenntnissen in der Auseinandersetzung mit dem Narzissmus kommt man vom bösen Narzissten, den man als den Schuldigen identifiziert zu haben glaubt, zum eigenen Selbstwertmangel, den man durch narzisstische Regulationsmethoden unbewusst auszugleichen versucht, und schließlich zu der Feststellung, dass in der ganzen Gesellschaft narzisstisches Verhalten und Eigenarten zu beobachten sind. Das Phänomen, das man in der Beziehung mit dem Narzissten beobachtet und nun erklären kann, kann man in anderer Form an sich selbst beobachten, aber auch in der gesamten Gesellschaft. Die schädlichen Auswirkungen des krankhaften Narzissmus werden auf einmal deutlich, was bei Betroffenen den Wunsch auslösen kann, das eigene Verhalten und die eigenen Ängste zu hinterfragen und zu bearbeiten.

Narzissmus verstehen bedeutet auf der einen Seite, die Notwendigkeit der Selbstwertregulation als eine Normalität zu erkennen und den gesunden Teil des Narzissmus als stabilisierend und fördernd zu akzeptieren. Auf der anderen Seite bedeutet es aber auch, die Grenze zum problematischen und krankhaften Narzissmus zu kennen – was bei den vielen unterschiedlichen Formen (vom verdeckten bis zum bösartigen Narzissmus) nicht immer leicht ist. Wenn Menschen in Beziehungen ausgenutzt werden und leiden, wenn Ressourcen selbstsüchtig ausgebeutet werden und dadurch Schaden in der Gesellschaft und in der Natur entsteht, dann ist Narzissmus nicht mehr konstruktiv und förderlich, sondern nachteilig und gefährlich. Vielleicht erzeugt der krankhafte Narzissmus kurzfristig einen Vorteil für Einzelne oder wenige. Einer positiven Gesamtentwicklung wirkt diese Kraft jedoch entgegen.

Will man den krankhaften Narzissmus des Partners oder aber auch den eigenen Narzissmus eindämmen, dann muss man den Narzissmus verstehen und die schädlichen Folgen eines ungesunden Narzissmus erkennen. Ein gesunder Narzissmus fördert ein gutes zwischenmenschliches Miteinander und unterstützt eine positive Entwicklung. Krankhafter Narzissmus wirkt behindernd, destruktiv, ausbeuterisch und zerstörerisch – je nachdem, wie ausgeprägt er ist. Daher ist es wichtig, den krankhaften Narzissmus zu verstehen, sich die folgenreichen Konsequenzen dieser Kraft zu vergegenwärtigen, sich abzugrenzen und so dieser Energie entgegenzuwirken.


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Veröffentlicht in Blog, Narzisstische Gesellschaft
7 Kommentare zu “Warum man Narzissmus verstehen muss
  1. Uschi sagt:

    Wir hinterfragen uns, krankhafte Narzissten tun das NIE. Mit solchen Leuten kann man nicht umgehen, es ist unmöglich! Sie sind zerstörerisch, man muss ihnen aus dem Weg gehen. Das habe ich verstanden. Ich kann mich gar nicht in eine so kranke Person hineinversetzten. Ich kann auch niemanden verstehen, der nicht das Weite sucht.

    • lilli sagt:

      Hallo Uschi,
      …vorausgesetzt man weiß schon was der sog. Narzissmus bzw. NPS ist,
      vorausgesetzt man weiß wie man selbst ist, und, vorausgesetzt man (er)kennt ‚das Weite‘ und weiß wie zartfühlende Liebe zueinander ist.
      lilli

  2. lilli sagt:

    Hallo Grit,

    das finde ich einfach schön, dass du und dein Freund nach dem Eintauchen in die Problematik ,
    aus ihr auftauchen könnt und Wege zueinander findet./

    Sehr geehrter Herr Grüttefien,

    Narzissmus verstehen müssen bzw. verstehen zu wissen und mit Herz und Verstand zu können,
    dass Sie das heute zum Thema machen, berührt mich sehr.
    Denn das ist es im Grunde, was mich für mich und meine Familie, rückblickend bis zu meiner bereits betroffenen Herkunftsfamilie, so innig interessiert: Sozusagen wissen zu wollen, was meine ‚Welt im Innersten zusammenhält‘, aus der ich komme und davon geprägt startete … .
    Einfach großartig und wunderbar,
    wie sie differenziert, klar und stimmig, auch mit Einbeziehung der Prof. Sachse und Lammers,
    die Kennzeichen von gesundem, übertriebenem bis zum krankhaften Narzissmus aufzeigen und den Umgang damit vielfältig beschreiben bis zu
    ‚Warum man Narzissmus verstehen muss‘
    Mein ebenfalls betroffener Mann weiß nicht, was ich jahrelang in Großstadt- Buchhandlungen gekauft und zu Hause durchgeackert habe: Bücher über Narzissmus bis Narzissmusstörung, bis ich nicht mehr konnte- und glücklicherweise auf Ihre Website gestoßen bin.
    Zu emotional möchte ich nicht werden, doch ich schreibe Ihnen im Ernst:
    Gott segne Sie!
    (Welches Ihrer Bücher wäre zum heutigen Thema am besten?)
    lilli

  3. Manfred sagt:

    Nahezu alle Berichte beschreiben meine Situation, man müßte nur noch Namen einsetzen. Der klassiche toxische Kreislauf lief ab. Seit 3 Jahren läuft die Vernichtungsphase der Frau. Obwohl Beratungen Den weiblichen Narzissmus ebenfalls bestätigt haben einhergehend mit psychischer/seelischer Gewalt den Kindern und mir gegenüber ist das Jugendamt, aber auch meine Anwältin nicht wirklich aktiv. Lediglich wegen Betrugs wird jetzt ein Strafantrag gestellt. Das Kindeswoh steht leider an letzter Stelle obwohl deren Verhaltensmuster bereits den auswirkungen einer narzisstischen Mutter entspricht

  4. Sven sagt:

    Vielen Dank für diesen wirklich wichtigen Artikel.
    Sehr hilfreich, weil er einen guten Überblick bietet.
    Nach meinen fast 3 Jahren der Erkenntnis, das ich in einer Beziehung mit einer narzisstischen Partnerin war und dazu noch zwei gemeinsame Kinder habe, sind solche Beiträge nahrhafte Tageslektüre.
    Beste Grüße

  5. Grit sagt:

    Ich finde es sehr gut, dass es diesen und andere Artikel gibt, in denen auch Vorschläge gemacht und Hilfestellungen angeboten werde, wie man mit Narzissmus in einer Beziehung umgeht und wie es funktionieren kann. Ich habe so auch meine eigenen narzisstischen Anteile entdeckt oder bin noch dabei und mein Freund und ich spiegeln uns unser Verhalten. Auch eigene Schwächen und Ängste konnte bzw. musste ich so erkennen und hatte und habe die Chance meinen Selbstwert und meine Selbstliebe zu stärken. Er ist mittlerweile auch bereit Kritik anzuhören und möchte sich verändern und seine Gefühle besser verstehen und auch zulassen können. Ich freue mich über die Entwicklung, die wir beide gemacht haben und machen, auch wenn es sehr schmerzhafte und traurige Phasen gab.

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