Der Hochmut des Narzissten

Unter Hochmut versteht man die völlig unrealistische Selbstbewertung einer Person in Bezug auf ihre Eigenschaften und Fähigkeiten sowie ihren Rang, ihr Vermögen und ihr Ansehen. Hochmut wird auch mit Überheblichkeit, Anmaßung und Arroganz gleichgesetzt. Eine Person überschätzt sich selbst und glaubt, mehr Wert als andere zu haben, besser, klüger, reicher oder attraktiver zu sein und ihre Größe unentwegt prahlerisch zur Schau stellen zu müssen.

Der Hochmut des Narzissten

Bild: © Aaron Amat – 123rf.com

Eine hochmütige Person kann niemanden als über sie stehend anerkennen: keine übergeordneten Autoritäten, keine maßgeblichen Instanzen, keine höheren Mächte und schon gar kein Gottwesen. Hochmut ist die Weigerung, die Herrschaft anderer anzuerkennen und die Grenzen der persönlichen Freiheit und Möglichkeiten zu akzeptieren. Hochmut gilt als ein charakteristischer Wesenszug von Narzissten, die meinen, über allen anderen zu stehen, aus diesem Grund eine bevorzugte Behandlung verdient zu haben und sich herablassend, eingebildet und aufgeblasen verhalten zu dürfen.

Narzissten sind von ihrer Größe voll und ganz überzeugt, glauben unfehlbar zu sein und fühlen sich absolut unantastbar. In ihrem Hochmut sind sie sogar der Überzeugung, über Wasser laufen zu können – und in der Tat wollen sie immer wieder mit spektakulären und waghalsigen Unternehmungen auffallen. In ihrem Allmachtsglauben und ihren Größenfantasien verkennen sie die Realität und beschweren sich hinterher lauthals, wenn sie scheitern, schieben dann aber die Verantwortung für ihren Misserfolg arrogant anderen zu, um ihr Bild von einer makellosen Persönlichkeit nicht zu gefährden.

Hochmut gilt als eine der sieben Todsünden, weil er den Menschen auf gefährliche Abwege führen kann. Ein hochmütiger Mensch entfaltet eine unbeschreibliche Selbstsucht: Er kümmert sich nur um die eigenen Interessen. Andere Menschen werden nicht als gleichwertig betrachtet, sondern lediglich zur eigenen Bedürfnisbefriedigung benutzt und ausgebeutet. Hochmut kennt nicht das Prinzip der Nächstenliebe: Der Mensch verleibt sich alles zum eigenen Nutzen und zur Selbsterhöhung ein und schadet auf diese Weise nicht nur seinen Mitmenschen und dem System, in dem er sich befindet, sondern am Ende immer auch sich selbst. Ein hochmütiger Mensch sägt an dem Ast, auf dem er selbst sitzt und daher wirkt Hochmut auf Dauer selbstzerstörerisch.

Hochmut kommt vor dem Fall

Ein bekanntes Sprichwort lautet: „Hochmut kommt vor dem Fall.“ Eine hochmütige Person überschätzt sich maßlos und glaubt, alles zu können, jedes Ziel zu erreichen und Leistungen vollbringen zu können, die die anderer in ihrem Ausmaß und ihrer Außengewöhnlichkeit deutlich übersteigen. Sie fühlt sich überlegen und ist davon überzeugt, alle Herausforderungen locker bewältigen zu können und Schwierigkeiten, vor denen andere noch stehen, längst hinter sich gelassen zu haben. Über die vermeintliche Rückständigkeit anderer kann diese Person nur herablassend lächeln.

Aufgrund ihres unerschütterlichen Glaubens an die eigene Unfehlbarkeit tritt eine solche Person selbstbewusst auf und wiegt sich in Sicherheit. Dies wiederum lässt sie unachtsam werden, weil sie sich gar nicht vorstellen kann, dass es irgendeine Aufgabe oder Situation geben könnte, der sie nicht gewachsen ist. In ihrem Hochmut werden mögliche Probleme auf die leichte Schulter genommen und Risiken und Gefahren nicht richtig erkannt und abgewägt, weil die Person vor allem mit Lässigkeit und einer gespielten Unterforderung angeben will und sich deswegen nicht sonderlich um Präzision bemüht. Sie denkt, es falle ihr alles von allein zu.

So entgehen ihr wichtige Details, Entscheidungen werden zu schnell oder auf Grundlage unvollständiger oder verkehrter Informationen getroffen, sie wendet sich an die falschen Berater – nämlich an die, von denen sie in erster Linie Bewunderung erhält, aber keine sachdienlichen Hinweise, die möglicherweise auch Kritik an ihrer Person beinhalten – und scheitert dann grandios, weil sie zu stolz ist, sich mit scheinbar unnötigen Kleinigkeiten aufzuhalten. Hochmut führt am Ende immer ins eigene Verderben.

Hochmut löst Missgunst bei den Mitmenschen aus

So kommt es, dass Menschen, die sehr hochmütig auftreten und absolut unbelehrbar sind, mit der Zeit vom Schicksal für ihre unerträgliche Überheblichkeit und Ignoranz bestraft und in die Realität zurückgeholt werden. Man könnte meinen, dass die Energie des Hochmutes durch eine entsprechende schicksalshafte Gegenkraft automatisch limitiert wird: Die Selbstverblendung führt auf direktem Weg in die Irre – ohne dass es hierzu der aktiven Mithilfe anderer Personen bedarf.

Mit seinem demonstrativ zur Schau gestellten Hochmut zieht der Narzisst leicht den Neid, aber auch den Hass anderer auf sich, die nur darauf warten, dass er eines Tages von seinem hohen Sockel stürzt und auf die Nase fällt. Vor allem seine Opfer, die der hochmütige Narzisst mit seinem herablassenden und egoistischen Verhalten gekränkt oder mit seiner Rücksichtslosigkeit geschadet hat, wünschen ihm nichts Gutes.

Außenstehende, die den Misserfolg aufgrund der maßlosen Arroganz und Selbstüberschätzung ohnehin schon haben kommen sehen, empfinden in dem Moment oft Schadenfreude. Die Folge sind Kommentare wie „Das konnte ja nicht gutgehen!“ oder „Das geschieht ihm ganz recht!“, die die Freude über eine höhere Gerechtigkeit zum Ausdruck bringen. Das Mitgefühl für den gescheiterten Narzissten hält sich durchaus in Grenzen und meist kann er kaum auf Hilfe von anderen hoffen – schon gar nicht, wenn sie unter seinem unerträglichen Hochmut leiden mussten.

Demut ist das Gegenteil von Hochmut

Anhaltender Hochmut erfährt auf Dauer immer eine Gegenregulation. Die logische Konsequenz einer hoffnungslosen Selbstüberschätzung führt in eine unabwendbare Katastrophe und soll den Gestürzten den Weg zu mehr Bescheidenheit und Demut aufzeigen. Er soll durch das Scheitern erkennen, dass es etwas für ihn Unerreichbares und Höheres gibt, das er nicht kontrollieren und bezwingen kann.

Der hochmütige Narzisst soll sich seiner Grenzen bewusst werden und lernen, diese zu akzeptieren. Er soll seinen Hochmut ablegen und anerkennen, dass es Situationen in dieser Welt gibt, die er nicht beeinflussen kann, und Kräfte, die größer sind als er. Demut ist die innere Ergebenheit vor höheren Mächten sowie die Bereitschaft zu dienen, statt herrschen zu wollen. Die erschütternde Konfrontation mit den eigenen Grenzen und der eigenen Endlichkeit kann eine Umkehr einleiten.

Doch leider kommt es nur äußerst selten dazu, dass ein Narzisst aufgrund von schmerzhaften Niederlagen seinen Hochmut ablegt. Die Selbstverherrlichung dient dem Narzissten als seelischen Schutz, um mit seinen Ängsten nicht in Kontakt zu kommen, und als Mittel, seine Bedürfnisse erfüllt zu bekommen. Der Narzisst verbirgt hinter seinem hochmütigen und überheblichen Auftreten seine Selbstunsicherheit und braucht daher den Hochmut als Schutz- und Abwehrmechanismus, um sein Selbstwertgefühl stabil halten zu können. Daher ist häufig zu beobachten, dass selbst schwerste Schicksalsschläge nicht dazu führen, dass der Narzisst zur Einsicht kommt, sich ändert und seinen Hochmut überwindet, denn er findet in seinem Hochmut seine Selbstsicherheit.


Autor der Webseite

Mein Name ist Sven Grüttefien. Ich bin der Verfasser dieser Webseite. Als ausgebildeter Heilpraktiker für Psychotherapie habe ich mich auf die Beratung von Menschen, die unter narzisstischen Missbrauch leiden, spezialisiert und biete zu diesem Thema zahlreiche Bücher, Coachings, Seminare und Vorträge an.

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10 Kommentare zu “Der Hochmut des Narzissten
  1. Pp57 sagt:

    Wer sich Narzissmus in seiner schlimmsten ,sicher übersteigerten, aber deshalb sehr eindringlichen Form in Bild und Ton ansehen möchte, sollte sich den Film : „ Der Unsichtbare „ auf Amazon Prime angucken- Ich hab ne Stunde gebraucht, um danach wieder runter zu kommen und hab jetzt noch Gänsehaut.

  2. Alina sagt:

    Ich finde an dieser Seite eigentlich gut, dass narzisstischer Verhaltensweisen so gut und auch so sachlich erklärt werden. Die hochmütige Seite kenne ich von meinem Partner auch sehr gut und dass die Schuld, wenn etwas nicht funktioniert, nie bei ihm liegt, ebenfalls. Verblüffenderweise schafft er es dennoch, sich selbst als demütig darzustellen und diese Demut auch von mir zu fordern, getreu der Überzeugung, dass es sich genauso verhalte. Er glaubt wirklich fest daran, ein demütiger Mensch zu sein, unkorrigierbar…
    Trotzdem möchte ich noch anfügen, dass es für mich persönlich hilfreicher ist, wenn nicht moralisiert wird, das mache ich in meinem Selbstmitleid selbst oft genug und es bringt mich nicht weiter, sachliche Beschreibungen und Erkläungen nützen meines Erachtens mehr, um die eigene Haltung zu stärken und zu erkennen, was da grade passiert.
    trotzdem vielen Dank, dass es diese Seite gibt. Sie hilft mir, zu erkennen, dass die vielen Vorhaltungen und irritierenden Verhaltensweisen nichts damit zu tun haben, dass ich falsch bin und alles verkehrt sehe, sondern dass es ein klares Muster gibt. Danke dafür

  3. Arte sagt:

    Ich bin vorgestern auf unserem Theatervorplatz einem Narzissten aus meinem früheren Freundeskreis begegnet. Eine Freundin hatte damals mit ihm eine längere Beziehung und mir oft bitterlich weinend ihr Herz über sein Verhalten ausgeschüttet.

    Als er lachend auf mich zu kam und mir die Hand geben wollte, machte ich sofort drei Schritte rückwärts. Diesem Mann hätte ich niemals geglaubt, dass er achtsam mit Corona umgeht. Also bestand ich darauf, dass er zwei Meter Abstand zu mir hält und seine unterm Kinn hängende Maske aufsetzt. Das tat er dann – wenn auch zögernd.

    Nach kurzem Gespräch über alte Freunde lud er mich zum Essen ein. In ein sehr teures Restaurant. Ich lehnte ab und sagte, dass mir kein noch so teures Essen in dieser angespannten Zeit so wichtig sein kann, dass ich eine Ansteckung mit Corona riskiere.

    Sofort schlug seine Laune um. Er versuchte, mich klein zu machen: Ja, genau so „autoritätshörig“ hätte er mich ja eingeschätzt. Ich sei eins dieser massenhaft verblödeten Schafe, die „alles glauben, was die da oben sagen und sich unterwürfig auf die nächste Schlachtbank legen“.

    Und dann kam – lautstark, heftig mit den Armen gestikulierend – dieser Satz: “ DU KRIEGST KEIN CORONA, VERSTANDEN !? “

    Ich hab mich grußlos umgedreht, bin die paar Meter zu meinem Auto gegangen und weggefahren. Sprachlos, sprachlos, sprachlos.

    Nach diesem Erlebnis glaube ich tatsächlich, dass ein Narzisst meint, über Wasser laufen zu können.

    —————–

    Ich überlege gerade, ob mir so jemand leid tut …
    Ja, so jemand tu mir leid.

  4. Ingo sagt:

    Und wenn was passiert, was dem Narzisst nicht „passt“, dann sind wieder die anderen schuld.

    Erst hat meine Frau mich über ein Jahr betrogen und es geleugnet, obwohl sie mich gefragt hat, ob ich glaube, dass ihr Liebhaber sich wegen ihr scheiden lasse.
    Natürlich hat er das nicht. Nur mein Leben wurde zur Hölle. Ich habe ihr mehrfach gesagt, dass ich ausziehen werde. Reaktion: Null. Sie hat es mir nicht geglaubt, bis ich es getan habe.
    Reaktion dann: „Ich war nicht damit einverstanden, dass er auszieht!“
    Wieder waren die anderen Schuld. Es ist keine Erkenntnis da, dass der Narzisst nicht alles kontrollieren kann. Es fehlt einfach die Demut.
    Nur er bestimmt, wie die Welt sich zu bewegen hat.
    Es ist irre, wie das immer wieder hier stimmt.

  5. SonjaS sagt:

    verwundernswert ist doch immer wieder, wie stark sich ein narz sowas einreden kann: narze, die ja offensichtlich weniger können, bewegen, geleistet haben, nicht reich, berühmt (auch nicht negativ) oder besonders gutaussehend sind, können sie die illusion gegenüber sich selbst und anderen aufrechterhalten, was ganz besonderes zu sein, sooo einzigartig.
    wie kann so was mental funktionieren??

    • ..indem man einfach an sein irreales Selbstbild glaubt und alle gegenteiligen Ansichten ignoriert!

      • Ingo sagt:

        Ja, das hatte ich in meinem Kommentar vergessen:
        Der Narzisst weiß ja nicht nur alles besser, er weiß sowieso alles.
        Und er kann die Gedanken seines Gegenübers lesen. Und damit ist das Gegenüber schon wieder schuld.

    • Anka sagt:

      Also (ver)wundern wird
      es dann nicht mehr, wenn man die Person wirklich genau beobachtet.

      Nach meiner Beobachtung von Leuten, die deiner Beschreibung entsprechen, scheint mir das nicht nur einfach ein Glaube an ein
      un-reales Selbst-Bild zu sein.
      Ich erlebe da eher tatsächlich Kleinkinder in alt(ernd)en Körpern.

      Wie kann ich das am Besten verständlich machen ? 🤔
      Ich erlebe da einfach genau das Verhalten, wie es mein Enkel in seiner Kindlichkeit zeigt. Manchmal(!) eben völlig in seiner Phantasie-Welt und der Helden-Rolle aufgehend.

      Es scheint aber „Erwachsene“ zu geben, die in diesem Stadium verhaftet geblieben sind, also regelrecht fixiert.

      Probleme bzw. Schwierigkeiten entstehen, weil man selber meint mit einem Erwachsenen in Kontakt zu treten oder zu sein.
      Irgendwie fühlt man sich aber nach einer Weile „verarscht“ 🤣 ,
      oder meint, das Gegenüber könnte geistig behindert sein 🙄, wogegen dann aber wiederum eine gewisse Schulbildung bzw. Fähigkeiten sprechen…

      Na ja, …
      An der Stelle muß man nur wissen, was man Selbst für ein gesundes Miteinander hält.
      Klingt jetzt bissel hart oder grausam.
      Aber da ist es wirklich egal, ob jemand nicht kann oder nicht will…
      In Beziehungen muß eine gewisse Ausgewogenheit herrschen, ansonsten wird es früher oder später belastend und letztlich unerträglich.

      Es kann nicht Jeder mit Jedem und muss ja auch nicht, meine ich.

      Freundliche Grüße 🙋

  6. Anni sagt:

    Sehr gut beschrieben, Herr Grüttefien. Wie wohl viele hier im Forum würde auch mir eine Gegenregulation, dass die hochmütigen Narze „vom Schicksal für ihre unerträgliche Überheblichkeit und Ignoranz bestraft und in die Realität zurückgeholt“ werden eine riesige Genugtuung bescheren. Doch leider steht sich der N. dabei wieder mal selbst im Weg. Wie im letzten Absatz zusammengefasst, kann der N. nicht anders, als selbstherrlich seine Show wieder und wieder und immer wieder abzuziehen, denn nur das gibt ihm Sicherheit.

    Dem ist nichts hinzuzufügen.

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