Bin ich narzisstisch oder nicht?

Da jeder Mensch ein gewisses Potenzial für Narzissmus in sich trägt, kann jeder bei sich selbst narzisstische Verhaltens- und Reaktionsweisen beobachten. Dieser Tatbestand kann aber zu Verwirrungen führen, weil nicht immer genau abzugrenzen ist, ob man sich noch normal verhält oder bereits narzisstisch gestört ist. Ab wann wird die Schwelle zum Pathologischen überschritten?

Bild: © Wordley Calvo Stock – Fotolia.com

Jeder trägt einen gewissen Grad an Narzissmus in sich. Jeder braucht zur Erhaltung eines gesunden Selbstwertgefühls die Fähigkeit, für die eigenen Werte und Überzeugungen einstehen, die eigenen Bedürfnisse befriedigen, sich anderen gegenüber abgrenzen und behaupten und sich vor Fremdeinflüssen schützen zu können. Außerdem benötigt jeder die Akzeptanz aus dem sozialen Umfeld und somit einen gewissen Grad an Zuwendung von seinen Mitmenschen, um sich seines eigenen Wertes sicher sein zu können.

Der Wunsch nach Selbstentfaltung und Anerkennung ist zunächst etwas ganz Natürliches und bis zu einem gewissen Grad für ein freies und selbstbestimmtes Leben sogar erforderlich und erstrebenswert. Insofern trägt jede gesunde Persönlichkeit auch narzisstische Züge in sich und bei jedem Menschen ist zumindest situativ narzisstisches Verhalten feststellbar. Narzissmus ist daher an sich nichts Negatives – die Frage ist nur, wann die Schwelle zum Pathologischen überschritten wird.

Narzisstisches Verhalten kann erst dann als eine Persönlichkeitsstörung bezeichnet werden, wenn tief verwurzelte und anhaltende Verhaltensmuster bestehen, die sich in einer unflexiblen und starren Haltung in unterschiedlichen Lebenssituationen äußern und zu einer deutlichen Abweichung im Wahrnehmen, Denken und Fühlen sowie in Beziehungen zu anderen führen. Die soziale Funktions- und Leistungsfähigkeit ist meist beeinträchtigt. Die pathologische Schwelle ist erreicht, wenn das unangepasste und unangemessene Verhalten permanent zu Konflikten mit der Umwelt führt.

Normaler und krankhafter Narzissmus

Man muss also lernen, scharf abzugrenzen und normales oder gesundes narzisstisches Handeln von unnormalem oder krankhaftem narzisstischen Verhalten zu unterscheiden sowie den Übergang von unauffälligen zu pathologischen Reaktionen zu erkennen. Dieser Übergang ist meist fließend und das Verhalten kann in bestimmten Situationen oder gegenüber bestimmten Personen beachtlich variieren. Manchmal verhält sich der betreffende Mensch unauffällig und normal, ein anderes Mal brechen aus derselben Person eindeutige narzisstische Züge heraus, die sogar die Grenze des Krankhaften erreichen können.

Solange kein anhaltendes und weitgehend stabiles Muster vorherrscht, das immer wieder zum Vorschein kommt – in unterschiedlichsten Situationen –, handelt es sich lediglich um ein situatives Reaktionsmuster, ein Abwehrverhalten oder bestenfalls um auffällige Akzentuierungen der Persönlichkeit. Jeder Mensch hat seine Veranlagungen und seine eigenen, erworbenen Verhaltens- und Reaktionsmuster und verfällt dabei zeitweise auch in narzisstisches Verhalten, das der Regulierung des Selbstwertgefühls und dem Selbstschutz dient.

Jeder Mensch braucht Mechanismen, um seine Seele zu schützen und greift daher in entsprechenden Situationen ganz unbewusst und automatisch zu Methoden, die narzisstisch gefärbt sein können – ohne dass es sich dabei eindeutig um ein krankhaftes Muster handeln muss.

Wechselnde Intensität narzisstischer Reaktionen

Daher kann ein und derselbe Mensch in manchen Situationen ein völlig normales Verhalten zeigen und in anderen Situationen äußerst narzisstisch agieren. In Gegenwart verschiedener Personen kann dieser Mensch einen unterschiedlichen Grad an Narzissmus erkennen lassen. In bestimmten Situationen oder gegenüber bestimmten Personen schlüpft er in eine unterwürfige und nachgiebige Rolle, während er in anderen Lebensbereichen eine dominante und führende Rolle einnimmt.

Ein Mensch kann sich innerhalb seiner Familie stark narzisstisch verhalten, am Arbeitsplatz aber eher angepasst und bescheiden auftreten, während er bei seinen Freunden nur durch zeitweiliges narzisstisches Verhalten auffällt. Es hängt von den momentanen Bedürfnissen und Ängsten, aber auch von der Veranlagung einer Person sowie von äußeren Einflussfaktoren ab, wie sie ihr Narzissmuspotenzial einsetzt und steuert.

Durch Begrenzung kann der Narzissmus eingedämmt werden, durch Unbegrenztheit kann er sich steigern. Befindet sich ein Mensch in einer starken Position, hat er Macht, Einfluss, Geld und Ansehen und wird ihm in seinem Umfeld kein Widerstand entgegengebracht, kann er seinen Narzissmus stärker ausleben, bis hin zur Dissozialität. Diese Person ist unabhängig, kann sich frei entfalten und muss dabei keine Rücksicht auf andere nehmen. In solchen Situationen besteht die Gefahr, dass der an sich gesunde Narzissmus so übersteigert ausgelebt wird, dass er sich auf krankhafte und gefährliche Weise äußert.

Befindet sich ein Mensch in einer eher schwachen Position, bestehen Abhängigkeiten von anderen Personen, hat er kaum oder einen nur geringen Einfluss, wird er sein Narzissmuspotenzial nicht so stark entfalten können. Kann er Fremdeinflüssen nicht genügend Widerstand leisten und somit seine Bedürfnisse nicht hinreichend einfordern und befriedigen, wird er entweder aggressiv oder depressiv. Die beschränkten Möglichkeiten des Auslebens des eigenen Narzissmus können wiederum zu anderen psychischen Störungen führen.

Rollenwechsel sind möglich

Es kann daher vorkommen, dass Betroffene, die mit einem Narzissten zusammen waren und unter diesem erheblich gelitten haben, sich in dieser Zeit nahezu selbst aufgeben mussten und daher ihre eigenen narzisstischen Bedürfnisse nicht ausleben konnten, in einer nächsten Beziehung selbst starke narzisstische Züge entwickeln, wenn sie einen „Nachholbedarf“ haben und ihnen ihr neuer Partner keinen ausreichenden Widerstand entgegenbringt. Wenn der neue Partner weniger Wünsche äußert, eine geringere Erwartungshaltung hat, kaum Ansprüche stellt und sich in Zurückhaltung übt, entfalten sich die narzisstischen Tendenzen des anderen entsprechend – besonders wenn dieser in einer früheren Beziehung dieses Potenzial unterdrücken musste.

Dann kann ein Betroffener, der zuvor noch das hilflose Opfer eines Narzissten war, in einer neuen Beziehung selbst die Rolle des Narzissten übernehmen und einen anderen für die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse und Wünsche missbrauchen – meist mehr, als er dies selbst erfahren hat. Manchmal kommt dem Betroffenen dieses egoistische Verhalten während der Beziehung zu Bewusstsein und er schämt sich dann dafür, weil er im Grunde die Bescheidenheit eines anderen Menschen gar nicht ausnutzen wollte – er weiß ja aus eigener Erfahrung nur zu gut, wie es sich anfühlt.

Allein die Fähigkeit zur Selbstreflexion entlastet dann Betroffene von dem Vorwurf, selbst narzisstisch gestört zu sein. Sie werden sich ihres rücksichtslosen Handelns bewusst, können es bewerten und sind zu einer Korrektur fähig. Mit anderen Worten: Sie haben ein Schuldbewusstsein. Ihre unbewusste, verdrängte Wut während der Beziehung mit dem Narzissten und ihr Mangel an Entfaltungsmöglichkeiten lassen sie aufgrund der fehlenden Gegenwehr des neuen Partners narzisstischer werden, ohne dass sie dies bewusst beabsichtigen und eine echte psychische Störung vorliegt. 

Der Narzisst bezichtigt den Partner, narzisstisch zu sein

Um den Partner zu verunsichern, kann ihm der Narzisst den Vorwurf machen, hochgradig narzisstisch zu sein, wenn sich dieser nicht nach seinen Vorstellungen verhält. Sicherlich wird der Partner situativ narzisstisches Verhalten zeigen, z. B. wenn er seinen eigenen Bedürfnissen nachgehen will oder sie einfordert, wenn er sich gegen Ungerechtigkeiten wehrt oder dem Narzissten zeitweilig weniger Aufmerksamkeit widmet.

Dann wird dem Partner von dem Narzissten vorgehalten, er sei egoistisch, rücksichtslos und herzlos. Meist löst dieser Tadel bei dem Partner ein schlechtes Gewissen aus, weil er so auf gar keinen Fall sein und gesehen werden will. Da er bislang ein anderes Selbstbild von sich hatte, ist er regelrecht erschüttert von diesem Vorwurf – zumal er glaubt, sich eigentlich ganz normal verhalten zu haben.

Der Partner beginnt dann, sich aufgrund des Vorwurfs des Narzissten für sein Verhalten zu schämen und  an seiner Menschlichkeit zu zweifeln. Plötzlich wird er damit konfrontiert, offenbar selbst narzisstisch zu sein, was in ihm starke Schamgefühle und Selbstzweifel auslöst. Der Narzisst hat somit sein Ziel erreicht, den Partner zu destabilisieren und ihn in die Defensive zu drängen – auf ganz narzisstische Art und Weise.

Doch allein die Tatsache, dass der Partner an sich selbst zweifelt und dass es ihm zutiefst peinlich ist, als egoistisch bezeichnet zu werden, entlastet ihn per se von dem Verdacht, ein gestörter Narzisst zu sein. Er scheint nämlich die Fähigkeit zur Selbstreflexion, ein Schuldbewusstsein und Empathie zu besitzen – Eigenschaften, die nicht gerade für eine narzisstische Persönlichkeitsstörung sprechen.

Auch mal an sich selbst zu denken, für die eigenen Bedürfnisse einzustehen, auf die eigenen Leistungen und Fähigkeiten stolz zu sein, Lob und Anerkennung zu genießen machen einen Menschen nicht zu einem gestörten Narzissten. Es ist das natürliche Streben eines normalen Menschen und letztlich ein Ausdruck gesunder Selbstliebe, wenn man auch an sich selbst denkt und nach positiver Resonanz in seinem sozialen Umfeld sucht.


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Veröffentlicht in Blog, Narzisstische Gesellschaft
14 Kommentare zu “Bin ich narzisstisch oder nicht?
  1. Olga sagt:

    Ich kann euch nur zustimmen. Ich erholen mich gerade aus einer narzisstischen Beziehung . Ich wurde3 und werde immer mit allem allein gelassen und belogen und mir wird immer noch alles zur Verantwortung gemacht, was nicht gut läuft. Selbst im
    Scheidungsverfahren wird mir außergerichtlich vieles versprochen, was dann nicht eingehalten wird und mir wird dann das Verfahren angelastet.
    Ich bin so erschöpft und froh alleine zu sein, aber dennoch kämpfe ich mit dem Alleinsein nicht mit Einsamkeit. Gewohnheit oder Leid?

  2. Renata sagt:

    Ich glaube nicht, dass jemand, der die Einsamkeit oder vielleicht weniger negativ konnotiert, das Alleinsein, schätzen gelernt hat, unter einer verzerrten, therapiebedürftigen Wahrnehmung leidet. Auch muss man nicht zwingend verbittert sein, nur weil man gerne alleine ist. Solche Ansichten irritieren mich ein wenig, denn sie pathologisieren einen Zustand, der in unserer Gesellschaft bereits jetzt schon zu Unrecht als Makel gilt.

    Muss man denn sein Leben lang in Verpaarungen, zumeist auch noch unglücklichen, leben? Dieses Stereotyp sollte dringend mal überdacht werden, denn oft ist es nicht das Alleinsein, das Probleme schafft, sondern das schlechtes Image, das dieser Lebensform anhaftet.

    Es ist befreiend, seinen Kopf und sein Herz nicht mehr mit fremden Narzissmus belasten zu müssen. Es gibt doch so viel Schönes auf dieser Welt zu entdecken, auch und gerade alleine z.B Bücher, Bergseeen, Kathedralen etc, etc…

    Ich habe dafür erst einen klaren Blick bekommen, nachdem ich mich aus einer ungesunden Beziehung gelöst habe und ganz bewusst alleine geblieben bin.

    Ich möchte Menschen, die ihre kostbare Lebenszeit in destruktiven Beziehungen verschleudern, einfach ermutigen, das Alleinsein als Chance zur Reifung und Vertiefung zu sehen.

    • Friedel sagt:

      Dem Kommentar von Renata möchte ich mich anschließen. Im Übrigen ist alleine leben – außerhalb einer Paarbeziehung – nicht gleichbedeutend mit Einsamkeit.

      Insbesondere nach einer oder mehreren toxischen Beziehungen ist alleine und selbstbestimmt leben überaus befreiend.

      Herrlich morgens frei – und nicht ausgehöhlt – aufzuwachen und sich nicht als erstes mit toxischen Situationen vom gestrigen Abend/Tag/Woche gedanklich zu belasten sowie vergiftete Luft zu atmen.

      Wertvolle eigene Lebenszeit, die auch alleine sehr sinnvoll gestaltet werden kann. Ich kann dazu auch nur ermutigen.

      Es bedeutet ja nicht, dass die Entscheidung alleine zu leben in „Stein gemeisselt“ sein muss und ausschließt, niemals wieder eine Beziehung einzugehen.

      • Waltraud sagt:

        Dem kann ich mich anschliessen, Renata und Friedel. Endlich nur Fokus auf mich und was mir gefällt. Spontan etwas zu entscheiden ohne Rücksicht nehmen zu müssen. Meine Aufmerksamkeit und meine Zeit für mich zu haben. Etwas auf das ich viel zu lange verzichtet habe und mir immer noch mal wieder die Frage stelle, warum ich auf mein eigenes Leben verzichtet habe. Der Nachholbedarf ist groß.

        • Lise1 sagt:

          Was ihr drei schreibt, habe ich nicht bestritten, auch ich schätze es, mich um mich zu kümmern und nicht mehr ständig in Hab-Acht-Stellung zu sein.

  3. Lise 1 sagt:

    Das „verbissene“ Streben kaschiert vielleicht irgendetwas. Aber das normale Streben nach Wachstum und Zugehörigkeit ist wohl ein Grundbedürfnis in jedem Menschen. Leider kann das durch traumatische Erlebnisse zerstört werden. Es gibt unendlich viel Menschen mit Traumen, die Gehirnforschung weiß heute, dass traumatische Erlebnisse das Gehirn und die Wahrnehmung ändern. Die ursprünglichen Annahmen werden negativ überschrieben. Es passiert auch bei Minitraumen, wie Beleidigungen, Missachtung, Erniedrigung. Das kann gelöscht werden oder teilweise gelöscht werden. Je früher das passierte, um so schwieriger. Es ist mit sachlicher Überlegung nicht zu machen, sondern in geschütztem Raum mit psychotherapeutischer Begleitung kann das betrauert werden, was einem geschah. Man sagt, es reicht, wenn es gut genug überschrieben wird, damit es die Macht verliert und integriert werden kann. Und damit man sich nicht mehr selber zur Einsamkeit verurteilen muss.

    • Lise 1 sagt:

      das sollte unter der Nachricht von Renata stehen, ist leider an die falsche Stelle gerutscht

    • Kxenia sagt:

      Hallo Lisa 1
      Dies hast du zwar an Renata geschrieben, aber es ist sehr interessant.
      Jetzt wird mir einiges klar.
      Ich denke aber auch, das das allein sein , mit Sicherheit am Anfang nach so einer Beziehung unbedingt dazu gehört.
      Um sich wieder zu finden.

      So wie du schreibst in einem geschützten Rahmen. Das negative überschreiben.
      Ein geschützter Rahmen ist meine Wohnung, und auch draußen beim wandern auf den Berg .
      Nun gleich sich einem Therapeut anzuvertrauen, wehrt sich etwas in mir.
      Zuviel Vertrauen habe ich dem Ex geschenkt.

      Dein Kommentar gibt mir Kraft , Danke
      Glg Kxenia

      • Lise1 sagt:

        Liebe Kxenia, ich freue mich auch immer über dein Beiträge, was an Mut und Entschlossenheit nach der unendlichen Geduld und dem ganzen Leid möglich ist.

        Dass du Therapeuten nicht vertrauen kannst, kann man auch nicht mit dem Verstand beabeiten, das gehört zu den ursprünglich positiven Annahmen (dass Ärzte zum Heilen da sind), die negativ überschrieben wurden durch die traumatischen Erlebnisse. Auch darüber kann man trauern, dass da wo geholfen werden könnte, der Zugang nicht möglich ist. Dank dem Ex oder andern toxischen Personen. Aber das ist nun in deine Verantwortung gewandert, die Exe haben damit nichts zu tun, ob du heilende Gespräche führen magst oder andere Wege suchst.

        Ich weiß, dass es tief drin ist und nicht per Internet zu diskutieren geht. Aber sogar dieses Misstrauen als natürliche Reaktion auf das was einem im Leben geschah, kann man mit ihm bereden, der als (viele lange Jahre ausgebildete) Psychotherapeut weiß, dass es vielen so geht. Mir ging es jedenfalls so. Er nahm mich an wie ich war, mit dem ganzen Kram, der in mir war. Bewertete mich nicht, erklärte mir, gab tröstende Sätze, lehrte mich das Hinterfragen meiner Dogmen, und auch dass ich nicht immer auf Andere (scheinbar höhere Instanzen wie Eltern, Mann, Chef, Coaches, auch sogar Therapeuten) hören soll, sondern nachdenken soll, was los ist und in mir nach meiner eigenen Meinung, nach dem eignen Gefühl suchen kann. Einen andern Menschen hat er nicht aus mir gemacht, sondern mir Fähigkeiten und Potenziale gezeigt, die ich vergessen hatte. Ich habe ein wenig von dem gelernt, was ich bin, wer ich bin, wie ich mit den Lasten umgehen kann und ich habe getrauert, meine Wut betrachtet und mich wieder spüren gelernt, ich dachte, das kann ich. Aber der Unterschied zu vorher – nachher ist wie Tag und Nacht.

        Es war meine erste Therapie, ich hätte nach meiner ersten Ehe oder als Jugendliche als ich das Elternhaus verließ schon eine gebraucht, daher war doch viel zu tun und es dauerte lange. Er erklärte mir, dass Trauerjahre nicht umsonst ein Jahr lang dauern, eigentlich bei schwerern Verlusten auch länger, und die Zeit braucht man. Ich meine, die Psychotherapie hat meine Trauer und den Aufbruch ins eigene Leben sehr beschleunigt, also statt 3 oder 5 Jahre war es ein Jahr. Ich hatte vielleicht auch Glück mit meinem ersten und bisher letzten Therapeuten (wenn die Chemie nicht gestimmt häte, hätte ich mir einen andern gesucht, war aber nicht nötig), obwohl ich auf halbem Wege abbrechen wollte, weil es zu anstrengend war, es ging auf die Suche, wo wirklich der Hund begraben liegt. Nicht da, wo ich – durch meine Prägung – bisher suchte musste nämlich. Daher waren natürlich vorherige eigene Versuche der Erholung nicht von dauerhaftem Erfolg gekrönt. 30 oder 40 Jahre lang. Und ich wollte es unbedingt: endlich erfahren, warum ich immer so ein „Pech“ habe und so verletzt werde und alle Ehrenrunden der On-Off-Beziehungen immer schlimm ausgehen. Meine Rolle dabei war mir völlig unklar (wo ich doch immer „die Gute“ war…ha, ha! Das konnte dann auch aufgeklärt werden, was realer ist).

        • Lise1 sagt:

          Ja, und das Alleinsein gehört dazu, am besten auch sogar Langeweile, damit man nicht immer von sich abgelenkt wird. Stundenlange Waldspaziergänge (ohne Handy, ohne Hund) sind Gold wert.

  4. Kxenia sagt:

    Mit Sicherheit hat jeder narzisstische Ausprägungen , die einen mehr und die anderen weniger.
    Aber es ist ein Unterschied, ob es krankhafte Persönlichkeitsstörung ist.
    Ob jemand den anderen mit Schadenfreude quält, ich habe oft genug seinen Gesichtsausdruck gesehen.
    Konnte es oft nicht glauben.

    Mit grimmiger Miene neben einem sitzt, und plötzlich eine andere Frau auftaucht. Und sein Gesicht verändert sich in weiche freundliche Züge.
    Anschließend der Blick zu mir , welche Reaktion ich zeige.
    Zig Beispiele dieser Art könnte ich nennen, nicht nur Frauengeschichten.
    Wie meine Reaktionen täglich getestet wurden.
    Vom Alltag bis in den Urlaub.

    Dies ging oft an meine Grenzen zb im Urlaub.
    Bis ich in anschrie , ich war diejenige die dann den Urlaub kaputt machte.
    Mir kuckten die Männer hinterher, ich nörgle am Essen , ich fand mich fett und alt , ich habe permanent das Handy in der Hand und ignoriere ihn usw

    Jeder halbwegs normale Mensch ,
    quält einen nicht und spricht nebenbei von großer Liebe.
    Fee und Traumfrau

    Es ist in meinen Augen ein gesunder Narzissmus, den ich jetzt leben werde.
    Nicht in Einsamkeit, aber allein.

    Meine Kinder und Freunde sind mir wichtiger, als ein rücksichtsloser , quälender , schnarchender Mann neben mir .

    Beweist alle Mut dies zu beenden
    Glg Kxenia

  5. Renata sagt:

    Ich empfinde diese Grenzziehung als sehr schwierig und ich befürchte, dass jede Beziehung in ihrem Kern aus egoistischen Gründen eingegangen wird. Der Narzissmus des Gegenübers stört möglicherweise einfach meinen eigenen. Ich habe für mich persönlich daraus die Konsequenz gezogen und lebe alleine. Mit zunehmendem Alter glaube ich sowieso, dass das oft verbissene Streben nach einer Partnerschaft vielfach einen inneren Mangel an Liebe im Allgemeinen kaschiert. Wie viele Menschen lieben ihren Partner angeblich grenzenlos, doch am Nachbarn laufen sie grusslos vorbei. Was ist ein solches Liebesverständnis wert? Will ich diesen Egoismus à deux weiter mitmachen? Nein. Gibt es eine Alternative? Ich weiss keine. Das Einzige, was ich weiss, ist, dass mein Narzissmus möglichst wenig Schaden anrichten soll und dass ich selbst nicht mehr bereit und fähig bin, den Narzissmus eines anderen zu ertragen. Das führt mich zwar in die Einsamkeit, aber ich fühle mich in ihr wohler als in all meinen Beziehungen zusammen.

    • Jörg sagt:

      Liebe den nächsten wie Dich selbst, hat mir geholfen. Es greift nicht an, ist leicht zu sehen und eigentlich ganz einfach. Ich weiss was du meinst, das denke ich auch manchmal, aber es fehlt vielleicht ein wenig Milde zu uns Selbst. Verbittern kann ja nicht das Ende vom Lied sein. Es muss einen Weg zur Liebe geben und wer Sie sucht, der wird Sie finden, so dass Versprechen.
      Die Grenze zwischen Narzissten und Nicht Narzissten, lässt sich durch die Weite des Begriffs auch gar nicht finden, irgendwie hat es ja jeder, das bringt keinen weiter und verschleiert nur, das es einfach besonders böse Menschen gibt. Wirkt irgendwie so als hätten die Egoisten diesen Begriff selbst erfunden, um ihre Niedertracht auch allen anderen in die Schuhe schieben zu können. Kurioserweise kann man damit aber auch direkt feststellen wer für die Führungsetagen dieser Welt zu gebrauchen ist, also eher ein zusammengefasstes Bewerbungsmerkmal, denn eine Krankheitsbeschreibung, weil Wörter für negative Charaktereigenschaften gibt es schon seit ein paar tausend Jahren und die hat jeder mal, das stimmt.

    • Rabe sagt:

      Hallo Renata,
      deine Aufrichtigkeit imponiert mir. Also ich kenne, dass mir „die show gestohlen wird“. Macht das ein empathiefähiger, einfühlsamer Mensch im Eifer, so merkt er das selbst und signalisiert mir das per Blickkontakt und Geste, oder so. Stehle ich einem anderen die „show“, merke ich das auch – spätestens irgendwann und spreche es an oder mache es irgendwie „wieder gut“.
      Meine N. jedoch nimmt einfach den kompletten Raum ein, das ist weit mehr, als nur die „Show“ zu stehlen. Typischer Weise, bemerkt sie das nicht (Herr Grüttefien hat das Phänomen ja ausführlich begründet), usw. Insofern verstehe ichl, was Du mit Behinderung des eigenen Narzissmus meinst.

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