Die narzisstische Persönlichkeitsstörung oder der narzisstische Persönlichkeitsstil Teil 2

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Rainer Sachse

Prof. Dr. Rainer Sachse erklärt in einer 3-teiligen Beitragsreihe die typischen Merkmale einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung oder eines narzisstischen Persönlichkeitsstils. Prof. Dr. Sachse ist Psychologischer Psychotherapeut und Direktor des Instituts für Psychologische Psychotherapie in Bochum. Zudem ist er ein bekannter Autor von zahlreichen Bücher zum Thema Narzissmus. Dies ist der 2.Teil der Beitragsreihe:

Bild: © Minerva Studio – stock.adobe.com

6. Norm-Schemata

Norm-Schemata sind Kompensationen negativer Schemata: Vor allem von Selbst-, aber auch von Beziehungsschemata. Es sind Schemata, die Annahmen enthalten wie: „Du musst…“, „Du solltest…“ oder „Du darfst nicht…“. Hat eine Person z. B. ein Selbst-Schema der Art „du bist ein Versager“, dann kann ein Normschema z. B. lauten: „Du musst der Beste sein!“ Hat eine Person ein Beziehungsschema wie „du bist nicht wichtig“, dann kann ein Normschema lauten: „Mache Dich wichtig!“

Norm-Schemata auf dem Annerkennungsmotiv sind z. B.:

  • Sei erfolgreich!
  • Leiste viel!
  • Beweise immer, wie gut Du bist!
  • Sei der Beste!

Es entwickeln sich aber auch Normen, die unmittelbar negative Konsequenzen vermeiden sollen, wie:

  • Vermeide Fehler!
  • Vermeide Situationen, in denen Du abgewertet werden kannst!
  • Vermeide Bewertungen!

Aber auch:

  • Gib wenig von Dir preis!
  • Zeige Dich in gutem Licht!
  • Lass andere nicht in Deine Karten schauen!

Diese Normen haben eine ganze Reihe charakteristischer Konsequenzen. Die erste, die aus Normen wie „sei der Beste“ u.a. resultiert, ist eine sehr hohe Leistungsorientierung: Der NAR will viel leisten, um Misserfolge zu vermeiden und um viele Erfolge zu haben (aber im Wesentlichen, um dadurch das negative Selbstschema zu widerlegen!).

Daher ist er sehr anstrengungsbereit. Er hat aber keine klaren Kriterien dafür, wann „ein Erfolg“ sich eingestellt hat: Er will eben so erfolgreich wie möglich sein, um „auf der sicheren Seite zu sein“, denn nur dann kann man Kritik und Abwertung (auch Selbstabwertung) wirklich vermeiden.

Die Leistung des NAR folgt damit der Devise: Höher, schneller, weiter! Egal, wie gut man schon ist, man muss immer noch besser werden! Damit ist es dem NAR nicht mehr möglich, irgendwann zufrieden zu sein, es „gut sein zu lassen“: Er hetzt immer dem Erfolg hinterher, ganz egal, wie erfolgreich er schon ist!

Eine negative Konsequenz davon ist, dass Personen mit NAR ihre eigenen Belastungsgrenzen ignorieren und ständig überschreiten: Sie machen keinen Urlaub („Urlaub ist was für Drückeberger“), sie machen keine Pausen („Pausen sind was für Schwächlinge“), sie gehen auch krank ins Büro („man kann sich doch nicht von einem Schnupfen unterkriegen lassen“). Damit erzeugt man aber oft Zustände von Erschöpfung, Burn-out, psychosomatischen Erkrankungen usw.

Das bedeutet: Je stärker eine Person eine solche Leistungs-/Erfolgsnorm (einen „Antreiber“) aufweist, desto höher wird die Wahrscheinlichkeit, dass sie für sich selbst (hohe) Gesundheitskosten erzeugt!

Auch die Normen, Fehler zu vermeiden oder Situationen, in denen man abgewertet werden kann, haben Konsequenzen: Bei manchen NAR führt dies dazu, dass sie Prüfungen vermeiden, dass sie Bewerbungsgesprächen aus dem Weg gehen, Vorträgen ausweichen, Manuskripte nicht einreichen o.a. Und das alles, obwohl sie „eigentlich“ gut genug wären, um alle diese Herausforderungen zu meistern. Und obwohl sie all das tun müssten, um wirklich erfolgreich zu sein. Und damit können sie sich selbst offensichtlich sehr schaden: Die Vermeidungen (und die zugrundeliegenden Befürchtungen, abgewertet zu werden) können die NAR bei ihren Erfolgen stark behindern: Die Personen sabotieren sich selbst!

Die Normen haben aber auch Beziehungskonsequenzen: Habe ich den Eindruck, ich werde bewertet und abgewertet, dann vertraue ich einem Interaktionspartner nicht: Damit öffne ich mich nicht und erschwere es mir und dem Interaktionspartner, eine Beziehung aufzubauen. Stattdessen produziere ich Images (Bilder über mich selbst), die mich gut aussehen lassen, die aber eigentlich verbergen, wer ich bin. Und damit lasse ich mich dann nicht wirklich auf Beziehungen ein!

Erst wenn ich nach einiger Zeit sicher bin, dass ein Interaktionspartner mich nicht abwertet, öffne ich mich langsam. Und: Ich lasse nur wenige Personen in einen solchen „inneren Kreis“ von Vertrauten. Daher weisen NAR meist zwar einen großen Bekanntenkreis, aber nur einen sehr kleinen Freundeskreis auf.

Normen, die auf der Ebene der Schemata auf dem Autonomie-Motiv entstehen, sind:

  • Lass Dich nicht bevormunden!
  • Lass Dich nie kontrollieren!
  • Werde nie abhängig!

Diese Normen haben den Vorteil, dass sie die Person stark unabhängig machen: Sie lernt, für sich selbst zu sorgen, zu erkennen, was sie selbst will, und was sie nicht will und eine hohe Autonomie fördert Kreativität. Der Nachteil dieser Normen ist aber wieder eine hohe Empfindlichkeit: Sagt jemand mir, was ich tun soll, kann das Reaktanz auslösen, also Ärger und die Tendenz, genau das nicht zu tun. Dies kann sich aber in Partnerschaften und gegenüber Chefs durchaus als nachteilig erweisen.

Normen auf dem Solidaritätsmotiv sind z. B.:

  • Verlass Dich auf Dich selbst!
  • Sei selbst stark!
  • Sei so unabhängig, dass Du keine Hilfe von anderen brauchst!

Vor allem die letzte Norm ist hoch relevant: Wir nennen dies „Flucht in die Autonomie“: Um immer allein stark genug zu sein und nie Hilfe zu brauchen, muss die Person autonom sein (anders als beim Autonomie-Motiv, bei dem sie autonom sein möchte, ist sie hier dazu gezwungen!). Dies hat aber wiederum Konsequenzen:

  • „Flucht in die Autonomie“ macht Personen wiederum reaktanz-empfindlich: Denn nun können sie sich Kontrollen und Einschränkungen gar nicht mehr gefallen lassen!
  • Da sie immer autonom sein müssen, können sie sich nie völlig auf Beziehungen einlassen: Selbst, wenn sie eine Beziehung aufnehmen, bleiben sie immer „mit einem Bein“ draußen: Dies erzeugt typische Bindungsprobleme.

7. Regeln

Regeln sind soziale Erwartungen: Eine Person stellt Regeln darüber auf, wie Interaktionspartner sie zu behandeln oder mit ihr umzugehen haben, wie z. B.: „Man hat mich nicht zu behindern!“ Verstoßen andere, dann löst das bei der Person oft Wut und Ärger, manchmal sogar aggressives Handeln aus.

Personen mit einem NAR-Stil neigen dazu, starke Regelsetzer zu sein: Sie definieren, was Interaktionspartner (für sie) zu tun haben und was nicht. Regeln sind Erwartungen, die man an Interaktionspartner richtet und von denen man ausgeht, dass andere sie zu erkennen und zu befolgen haben. Dabei hält man sich (aus welchen Gründen auch immer) für legitimiert, solche Regeln zu setzen und Interaktionspartner zu bestrafen, wenn sie die Regeln nicht befolgen (diese Legitimation ist, das muss man rational sagen, fiktiv: was die NAR aber nicht davon abhält, an ihre Existenz zu glauben!).

Zwei typische NAR-Regeln sind:

  • Man hat mich wie einen VIP zu behandeln.

Und:

  • Man hat mir Sonderrechte zu gewähren.

Das bedeutet z. B., dass ein NAR

  • erwartet, dass er beim Arzt (anders als andere!) nicht warten muss,
  • dass er an einer Kasse vorgelassen wird,
  • dass allgemeingültige Regeln für ihn nicht gelten.

Konsequenterweise betrachten NAR daher Verkehrsregeln auch als „Empfehlungen“, an die sie sich nur halten müssen, wenn sie ihnen sinnvoll erscheinen.

Außerdem glauben NAR,

  • dass sie Interaktionspartnern Aufgaben geben dürfen, die sie für den NAR zu erledigen haben (die NAR nennen das: „ich kann gut delegieren“),
  • dass sie auch in persönlichen Beziehungen Sonderrechte haben: so soll ihr Partner „ihnen den Rücken freihalten“, ihnen unangenehme Aufgaben (wie „Haushalt“) abnehmen oder sie von „Alltagskram“ befreien.

Eine besonders interessante Regel ist: Man hat mich nicht zu behindern! Das bedeutet z. B., dass ein NAR als Autofahrer davon ausgehen darf, dass er in der Stadt 65km/h fahren darf und dass niemand ihn dabei zu behindern hat (und wehe doch!). Also hat niemand das Recht, vor ihm 45km/h zu fahren!

Wenn der NAR mit seinem Benz angerauscht kommt, hat der Langsamfahrer zu erkennen, dass nun jemand kommt, der die Devise verfolgt: Freie Fahrt für freie Narzissten! Und er hat dann selbstverständlich auszuweichen! Wenn er das nicht tut, löst er beim NAR Ärger aus und eine Tendenz zu strafen. Dies kann der NAR real oder in der Phantasie tun: In der Phantasie klappt er aus dem Dach seines Benz einen Desintegrator aus und verdampft den Langsamfahrer zu einer Molekülwolke. Real kann er ihn drängeln und ihm so zeigen, dass er auszuweichen hat!

Dabei kann er sein rücksichtloses Handeln aber auch noch rechtfertigen: „Man muss solchen Schnarchnasen doch im Sinne der Allgemeinheit zeigen, dass man so nicht fährt!“ Da ein Regelverstoß ein Verstoß gegen Erwartungen ist, löst er Ärger aus: Manchmal nur wenig, manchmal aber auch heftig: Ein NAR kann aufgrund der ständigen „Behinderungen“ auf einer Autofahrt von 10 Minuten 12 massive Ärgeranfälle produzieren („diese Hirnies sollen doch im Verkehrskindergarten fahren; einige der Aussagen sind dabei recht kreativ).

8. Manipulation

Manipulation bedeutet, dass man einen Interaktionspartner (IP) dazu bringt, etwas für einen zu tun, was er ansonsten nicht tun würde und zwar mit Strategien, die der IP nicht durchschauen soll: Ich will z. B., dass mein Partner am Abend bei mir bleibt und nicht Karten spielen geht, weiß aber, dass er, wenn ich ihn darum bitte, darauf besteht, dass das vereinbart war und er trotzdem geht. Also hilft offenes, transparentes Handeln nicht: Als Manipulation kann ich nun mit leidender Stimme sagen: „Ich habe solche Kopfschmerzen. Aber ich komme schon zurecht.“ Und schon bleibt der Partner bei mir und kümmert sich.

Manipulation, das sollte man sich klarmachen, ist ein ganz normales Interaktionsverhalten. Es ist nicht ungewöhnlich und nicht ehrenrührig. Von Bedeutung ist allerdings die Dosis: Manipuliere ich sehr stark, kann ich damit meine IP (stark) verärgern.

Personen mit einem narzisstischen Stil weisen ein relativ hohes Niveau an Manipulation auf. Diese dient meist speziell dazu, „andere für die eigenen Ziele einzuspannen“. Sie „delegieren“ Arbeit, indem sie anderen ihre Arbeit übergeben: Oft mit einer Schmeichel-Strategie: „Müller, Sie können doch die Aufgabe XY so toll und viel besser als ich. Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn Sie das mal für mich machen würden?

Ein großer Bereich von Manipulation bezieht sich auf das Etablieren von Sonderrechten: In Partnerschaften sagt ein Narzisst z. B.: „Ich mache von uns beiden die schwierigere und anspruchsvollere und stressigere Arbeit. Und ich bringe von uns das meiste Geld nach Hause. Also ist es nur fair, dass Du „mir den Rücken frei hältst“, indem Du mich z. B. von Hausarbeit und Kindererziehung weitgehend freistellst.“ Dabei tut er so, als „opfere er sich auf“, verschweigt aber, dass er die Arbeit machen will, dass er sich freiwillig dazu entschieden hat und der Partner ihn nicht gezwungen hat! Und daher ist es fraglich, ob ihm dafür Sonderrechte tatsächlich zustehen!

NAR machen oft auch das Image auf: „Du Schatz und die Kinder sind mir die Wichtigsten!“ Tatsächlich verhält er sich aber nicht so: Denn wenn ein Meeting ansteht und der Sohn ein Fußballspiel hat, entscheidet er sich immer für das Meeting. Im Handeln macht er damit klar, was ihm das Wichtigste ist. Als Interaktionspartner sollte man daher einen NAR nicht danach beurteilen, was er sagt, sondern danach, was er tut!

Eine wesentliche Manipulation ist auch das „Mords-Molly-Spiel“: Der NAR stellt dar, dass er außergewöhnlich gut, intelligent, zäh, belastbar ist, dass er alle Stadträte duzt, dass gerade sein Bentley unzuverlässig ist, dass er außergewöhnliche Interessen hat und Dinge tut, die kein anderer tun kann. Primäres Ziel dieses Handelns ist Bewunderung: Er will, dass er der Beste, der Tollste, der Größte ist (und das bezieht sich keineswegs nur auf die Penislänge!). So spannt er alle Interaktionspartner zu einer Schar von Fans ein.

Aber er versucht auch, andere durch Einschüchterung „auf Spur zu bringen“: Er lässt andere seinen Ärger spüren, wenn sie seine Regeln missachten, kann zynisch, abwertend und sehr kritisch sein, sodass er durchaus „gefürchtet“ werden kann: Dies kann dazu dienen, Kritik gar nicht erst aufkommen zu lassen, Respekt zu fordern u.ä.

Zur Manipulation verwenden NAR vor allem positive Images wie „ich bin toll“, „ich bin super“ usw.

Um Ziele zu erreichen, können sie aber auch negative Images verwenden, wie:

  • „Schatz, heute bin ich so gestresst, könntest Du mal xy für mich tun?“
  • Schatz, ich habe solche Rückenschmerzen, könntest Du mir mal den Rücken kraulen?“

Oder auch:

  • „Schatz, der Chef hat mich heute so schlecht behandelt. Ich muss dringend getröstet werden!“ (Wodurch auch immer – notfalls auch durch Sex.)
  • „Schatz, ich bin heute so gestresst, ich kann mich nicht auch noch um die Kinder kümmern.“

Auch das Blöd-Spiel wird häufig realisiert: Hier ist es eben nicht ehrenrührig, sich als spezifisch inkompetent zu definieren, denn kein NAR zieht etwas daraus, wenn er Waschmaschinen bedienen kann. Andererseits kann er Interaktionspartner aber gut „einwickeln“, da er schnell weiß, wofür sie empfänglich sind.

9. Weitere Eigenheiten des Stils

9.1 Egozentrik

Der NAR-Stil ist durch ein besonders hohes Maß an Egozentrik gekennzeichnet: Die Person ist stark auf sich selbst bezogen und denkt, alle anderen müssten ebenfalls stark auf sie bezogen sein. Sie glaubt, sie sei „der Mittelpunkt“ von allem: Alle müssten sie beachten, respektieren, sich um sie bemühen und sie seien im Grunde der Bedeutendste von allen.

Damit ist die Annahme verbunden, Recht auf Sonderbehandlungen zu haben, vorgezogen zu werden, einen VIP-Status zugewiesen zu bekommen. Man spricht hier oft von „Selbstverliebtheit“, aber ich denke, dass das Unsinn ist. Die Personen sind gar nicht so sehr auf sich selbst bezogen: Sie denken, dass andere auf sie bezogen sein sollten!

9.2 Unrealistisch positives Selbstschema

Viele NAR weisen ein Selbstschema auf, das durchaus realistisch ist: Sie denken, dass sie Fähigkeiten haben, die sie auch tatsächlich haben. Nicht jeder NAR hat ein „überhöhtes Selbstbewusstsein“. Einige aber schon: Sie denken, dass sie reaktionsschneller sind als sie sind, sie glauben, dass sie intelligenter sind als sie es sind, sie meinen, dass sie Fähigkeiten haben, über die sie aber gar nicht verfügen.

Diese Selbstüberschätzung kann zu Fehlern führen: Ein besonders gutes Beispiel dafür ist der Straßenverkehr. NAR glauben, dass sie besser sind als alle anderen, dass sie nicht mit 40, sondern mit 100 in eine Kurve fahren können und fliegen dann aus derselben. Sie glauben, sie könnten Verhandlungen genial leiten, werden dann aber „über den Tisch gezogen“.

Etwas übertriebenes Selbstbewusstsein kann sehr angenehm sein; sehr viel davon kann aber zu erheblichen Problemen führen!

9.3 Hohe Handlungsorientierung

Eine wesentliche Konsequenz eines NAR-Stils ist eine hohe Handlungsorientierung: Ein NAR neigt beim Auftauchen eines Problems dazu, das Problem nur so lange und so tief zu analysieren, bis sich eine Lösung abzeichnet und versucht dann möglichst schnell, in ein Handeln zu kommen. Eine Tendenz zum Grübeln ist dem NAR fremd; lange, detailreiche Analysen sind ihm meist zuwider: Er will eine Lösung und zwar schnell.

Hier kommt ihm zugute, dass er meist risikofreudig ist: Er geht (kalkulierbare) Risiken ein und versucht gar nicht erst, alles abzusichern; er weiß, dass sich Risiken nicht vermeiden lassen und akzeptiert das.

Ein Vorteil dieser Strategie ist, dass er sehr schnell entscheiden und handeln kann. Ein Nachteil allerdings besteht darin, ein Problem manchmal doch nicht tief genug zu durchdenken, sodass Fehler entstehen können oder dass der NAR zu hohe, zu wenig kalkulierte Risiken eingeht. Das Problem wird vor allem dann brisant, wenn es sich mit Selbstüberschätzung paart: Wenn der NAR glaubt, er wisse mehr als er weiß, er durchblicke Probleme besser, als er es tut, er „habe den richtigen Riecher“, riecht faktisch aber nur wenig: In solchen Fällen kann es durchaus zu eklatanten Fehlentscheidungen kommen (wie wir vom „Finanzcrash“ wissen!).

9.4 Vorschriften sind Empfehlungen

NAR haben aufgrund der Tatsache, dass sie sich für etwas Besonderes halten und der Überzeugung, dass ihnen Sonderrechte zustehen, oft den Eindruck, dass allgemeingültige Vorschriften, Gesetze und Konventionen für sie nicht gelten: „Vorschriften sind was für Kleingeister.“

So betrachten viele NAR z. B. Verkehrsregeln als Empfehlungen, an die man sich halten kann, aber nicht halten muss. Ein NAR hat meist die Überzeugung, dass jemand mit seinen Fähigkeiten in der Stadt mindestens 60km/h fahren darf und erwartet, dass andere Autofahrer ihm das ermöglichen, falls nicht, wird er ärgerlich. Und NAR sind dann häufig überrascht, dass die Polizei das alles ganz anders sieht und seinen Sonderstatus nicht berücksichtigen mag.

9.5 Der Beste sein und soziale Vergleiche

Die Normen der NAR besagen nicht, dass der NAR „gut“ sein muss. Sie besagen, dass er „der Beste“ sein muss: Nur dann ist er unangreifbar und gegen Kritik gefeit. Der Beste zu sein, ist aber extrem anstrengend und vor allem ist gar nicht definiert, wann und wodurch man „der Beste“ ist. Es gibt also gar keinen definierten Zielzustand, den man erreichen kann, um dann zufrieden zu sein.

Vielmehr ist das Ziel, „der Beste zu sein“, überhaupt nie erreichbar, der Wunsch ist „unstillbar“, die Person muss vielmehr immer „weiter, schneller, höher“ realisieren, kommt aber nie irgendwo an!

Eine andere wesentliche Konsequenz von „der Beste sein“, ist, dass man sich ständig mit anderen vergleicht und vergleichen muss: Denn man muss ja immer durch soziale Vergleiche sicherstellen, dass man erfolgreicher, intelligenter usw. ist, als alle anderen und man will genau das sein! Fällt ein solcher Vergleich positiv aus, ist alles (aber nur im Augenblick!) ok; fällt er negativ aus, resultieren Enttäuschung und Ärger.

Geht ein NAR auf eine Feier, dann scannt er alle Anwesenden danach, ob jemand einen höheren Status hat als er selbst: Ist er der Einzige mit einem Doktortitel, ist alles ok. Ist jedoch jemand anwesend mit zwei Doktortiteln, ist der Abend gelaufen. Auch beim Spielen muss der NAR der Beste sein: Er will nicht gewinnen, er muss gewinnen; damit ist er aber ein sehr schlechter Verlierer! Er kann auch schlecht mal andere gewinnen lassen, denn selbst bei einem einfachen Spiel mal zu verlieren, ist eine Niederlage!

9.6 Ansteckungseffekt

Mit dem Ausgeführten hat auch ein anderes Phänomen zu tun: Der Ansteckungseffekt. Alles, was ein NAR tut, wird, ob er es will oder nicht, irgendwann zu einer Leistungsaufgabe! Der NAR tritt in einen Tennisclub ein, um Spaß zu haben, sich zu entspannen und fit zu bleiben. Und nach einem halben Jahr will er der beste Spieler des Clubs werden! Der NAR spielt Golf, um Kontakte zu pflegen und um abzuschalten – und nach 4 Monaten will er der beste Golfer des Clubs sein. Es ist eine Art „Midas Effekt“: Was der Klient anfasst, verwandelt sich in eine Leistungssituation. Und manchen NAR geht das selbst auf die Nerven!

Hier geht es zum 3. Teil des Beitrages von Prof. Dr. Rainer Sachse

Inhalt Teil 3:

  • Weitere Eigenheiten des Stils (Fortsetzung)
  • Umgang des Narzissten mit sich selbst
  • Wie man mit Narzissten umgeht

Hier geht es zum 1. Teil des Beitrages von Prof. Dr. Rainer Sachse

Inhalt Teil 1:

  • Was charakterisiert die Störung?
  • Beziehungsmotive
  • Selbst-Schemata
  • Beziehungsschemata

Autor des Beitrages:

 

Prof. Dr. Rainer Sachse ist ein deutscher Psychologe und Begründer der Klärungsorientierten Psychotherapie. Er ist Professor für klinische Psychologie an der Ruhr-Universität Bochum und leitet das Bochumer Institut für Psychologische Psychotherapie. Prof. Dr. Sachse entwickelte die Klärungsorientierte Psychotherapie als eine Erweiterung der Gesprächspsychotherapie. Dabei wurde er durch die Arbeiten Carl Rogers, Leslie Greenbergs und Klaus Grawes beeinflusst.

 

 

Weiterführende Literatur

Sachse, R. (2019). Persönlichkeitsstile im Alltag. Paderborn: Junfermann-Verlag.

Selbstverliebt – aber richtig, 9. Auflage. Klett-Cotta.

Sachse, R., Sachse, M. & Fasbender, J. (2011). Klärungsorientierte Psychotherapie der narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Göttingen: Hogrefe.

Sachse, R. (2018). Persönlichkeitsstörungen verstehen. 10. Auflage. Köln: Psychiatrie-Verlag.

Sachse, R. (2014). Manipulation und Selbsttäuschung. Wie gestalte ich mir die Welt so, dass sie mir gefällt: Manipulationen nutzen und abwenden. Berlin: Springer.

Sachse, R. (2018). Persönlichkeitsstörungen verstehen. 10. Auflage. Köln: Psychiatrie-Verlag.

Sachse, R. (2014). Klärungsorientierte Verhaltenstherapie des Narzissmus. In: S. Sulz & Th. Bronisch (Hrsg.), Verständnis und Psychotherapie der narzisstischen Persönlichkeitsstörung, 43-51. München: CIP-Medien.

Sachse, R. (2006). Narzisstische Persönlichkeitsstörungen. Psychotherapie, 11 (2), 241-246.


Veröffentlicht in Blog, Eigenschaften eines Narzissten
5 Kommentare zu “Die narzisstische Persönlichkeitsstörung oder der narzisstische Persönlichkeitsstil Teil 2
  1. Lilli sagt:

    Hallo,
    dass der Beste sein zu müssen,
    für den Narzissten innerlich eine Endlosschleife darstellt,
    eine Sysiphos- Situation,
    finde ich hilfreich.
    Ebenso die Beschreibung des zu hoch angesetzten positiven Selbstschemas nach außen, sowie des daneben innerlichen negativen Selbstschemas, finde ich hilfreich.
    Auch die Beschreibung der Körpersprache in Sven Grüttefiens Tipps zum Umgang mit Narzissten,
    helfen mir, zu den Leuten mit Narzissmusstörung in meiner Ehe und Verwandtschaft, gesunde, versöhnliche Distanzen zu pflegen:
    Das sich Brüsten,
    hypnotisieren wollende intensiv Schauen,
    berechnende Schauspielern bzw.Charisma,
    hochmütig mit erhobenem Kopf Augen schließen und/oder schnauben… .
    Die Aussagen zum Körperbau sind mir allerdings zu unsicher, diese helfen mir nicht weiter.

  2. Renate Knaup sagt:

    Gut geschriebene Texte, die nicht nur den NAR im Aussen erkennen lassen, sondern auch den NAR in uns selbst. Selbsterkenntnis ist der mutigste und erfüllendste Weg zur Besserung.. Nur so kann man alte Muster erkennen. RK

  3. Stefan sagt:

    … ja das Alte, neue Lied, des „selbst erkennen „(Mysterium von delfi)
    Dabei können die nar, auf der Erkenntnis Ebene, hilfreich Lehrer sein, ohne das sie dies wirklich sein wollen..,,

    Tausend Dankeschön an den Referenten, sowie alle die, welche immer mehr zur Aufklärung bei tragen…

    In Goethes Faust aus einer anderen Ebene betrachtet, Gut beschrieben ..

    Mephistopheles:
    Ich bin Ein Teil von jener Kraft,
    Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.

    Faust:

    Was ist mit diesem Rätselwort gemeint?

    Mephistopheles:

    Ich bin der Geist, der stets verneint!
    Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,
    Ist wert, daß es zugrunde geht;
    Drum besser wär’s, daß nichts entstünde.
    So ist denn alles, was ihr Sünde,
    Zerstörung, kurz, das Böse nennt,
    Mein eigentliches Element….

  4. Lill sagt:

    Sehr übersichtlich, strukturiert und hilfreich. Mir öffnet es immer mehr die Augen und ich kann mich immer besser von meinem EX NAR abgrenzen. Habe ein Film über NAR-Forschung an der Cherite Berlin gesehen, da hat Dr. Sasse mitgemacht. Fand ich auch sehr gut. Ist auf YouTube zu sehen. Danke an Dr. Sasse für diese Arbeit.

  5. Anka sagt:

    Sehr, sehr hilf- und aufschlussreich!

    Da gingen für mich aber sehr viele „Lichtlein“ auf …
    Auch kann jeder für sich ganz wunderbar die ganz eigenen, oft unbewussten Schemata, Glaubenssätze und „erlernten“ Regeln einmal beleuchten.
    Bei genauer Betrachtung scheint es ja festzustehen, daß die EIGENEN … doch einen „gewissen Beitrag leisten“ um belastende ANDERE möglich in der Wiederholung zu machen.

    Na dann, nix wie erkennen und Schluß damit!

    Ganz herzlichen Dank für diese Gastbeiträge
    und herzliche Grüße

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*