Wie wir unsere Kinder vor Narzissmus schützen und bewahren können

Ein Gastbeitrag von Dipl.-Psych. Roland Kachler

Der Dipl.-Psychologe Roland Kachler beschreibt in dem folgenden Beitrag, woran man frühzeitig narzisstische Tendenzen bei Kindern erkennen kann und was Kinder narzisstisch werden lässt. Zudem gibt er einige Anregungen, was Eltern konkret tun können, damit ihre Kinder später kein narzisstisch gestörtes Verhalten entwickeln.

Bild: © Roman Stetsyk – 123rf.com

Narzisstische Menschen werden nicht narzisstisch geboren!

Narzisstische Menschen fallen nicht vom Himmel. Sie werden auch nicht gemacht. Allerdings gibt es viele Hinweise dafür, dass der Narzissmus von Erwachsenen seine Wurzeln in deren Kindheit hat. So verschieden die biografischen Hintergründe von narzisstischen Menschen sind, so sehr gibt es Grundkonstanten einer narzisstischen kindlichen Entwicklung. Und es gibt auch feststellbare Bedingungen, die zuerst zu einem kindlichen und dann erwachsenen Narzissmus führen. Dabei machen alle Kinder eine und Jugendliche normale narzisstische Entwicklung durch, in der sie lernen, ein eigenes Ich und Selbst zu werden, stolz auf sich zu sein und sich selbst nach außen gut zu vertreten. Aber genau diese so normale narzisstische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ist sehr anfällig für die Entwicklung einer destruktiven narzisstischen Persönlichkeit, die nur sich selbst sieht und sich grandios über andere stellt.

Deshalb ist es so wichtig, dass Eltern diese Hintergründe kennen, um rechtzeitig eine narzisstischen Entwicklung ihres Kindes zu sehen, ihr entgegenzusteuern und das eigene Verhalten entsprechend zu ändern.

Ich will Ihnen in diesem Artikel einen ersten Überblick über die Entwicklung von Kindern zu einer narzisstischen Persönlichkeit und die dazu gehörigen problematischen Erziehungsstrategien von Eltern aufzeigen. Dabei geht es nicht um ein Eltern-Bashing, sondern um eine Sensibilisierung für die eigenen Erziehungsfehler und eigenen blinden Flecken, auf Grund derer Eltern ungewollt bei ihren Kindern eine narzisstische Entwicklung fördern.

Können schon Kinder narzisstisch gestört sein?

Vielleicht kennen Sie Kinder, die oft vorlaut sind, sich immer vordrängen müssen, sich grandios aufplustern und andere Kinder von oben herab behandeln. Wenn wir dann dieses kindliche Verhalten in die Zukunft dieser Kinder als Erwachsene projizieren, dann wird rasch intuitiv deutlich, dass wir diese Kinder als narzisstische Kinder beschreiben können, ohne ihnen ein Etikett oder einer Ferndiagnose verpassen zu wollen. Wir wissen heute, dass wir bei Kindern ab dem Alter von sieben bis acht Jahren sehr zuverlässig deren Narzissmus mit einem Fragebogen messen können. Dazu gibt es verschiedene Fragebögen und Tests für Kinder, mit denen man deren schon vorhandenen Narzissmus einschätzen kann. In einem dieser Tests müssen Kinder folgenden Statements zustimmen oder sie ablehnen:

  • „Ich mag gerne im Mittelpunkt stehen.“
  • „Ich bin eine ganz besondere Person.“
  • „Ich kriege Leute dazu, dass sie tun, was ich will.“
  • „Ich mag mich gerne im Spiegel anschauen.“
  • „Meistens brauche ich niemand, der mir helfen muss.“
  • „Ich erwarte, dass ich viel von anderen bekomme.“
  • „Ich bin unglücklich, bis ich das bekomme, was ich will.“
  • „Kinder wie ich verdienen es, etwas Besonderes zu bekommen.“

In diesen einfachen kindlichen Statements lassen sich die späteren Eigenschaften von narzisstischen Menschen sehen. Sollte Ihnen zu Ihren eigenen Kindern diese Statements passen, dann sollten Sie sich zu einer genaueren Beobachtung der eigenen narzisstischen Tendenzen bei sich und bei Ihrem Kind anregen lassen. Kinder mit narzisstischen Eigenschaften unterscheiden sich deutlich von anderen Kindern. Sie haben natürlich auch schon ihre besonderen Probleme, ganz besonders im Umgang und Zusammenleben mit anderen Kindern.

Die narzisstischen Seiten von Kindern ähneln ganz denen von Erwachsenen, aber sie sind noch in vieler Hinsicht nicht so raffiniert und festgelegt wie bei den Erwachsenen. Die kindlichen narzisstischen Eigenschaften sind noch veränderungsfähig, zumal sie zum Teil auch ganz normal zur kindlichen Entwicklung gehören. Allerdings sollten wir schon früh darauf achten, dass sich die Tendenzen nicht allzu sehr verfestigen.

Bitte beachten Sie!

Wenn Sie jetzt auf Ihre Kinder blicken und vielleicht doch narzisstische Tendenzen entdecken müssen, dann erschrecken Sie bitte nicht. Bitte stellen Sie auch keine  Diagnose, die ihr Kind und Ihren Blick nur festlegt. Gerade in der Kindheit haben Sie noch alle Chancen, die Entwicklung Ihrer Kinder in andere Bahnen zu lenken. Auch bei Jugendlichen sind Korrekturen durchaus noch möglich, allerdings ist dies mit größeren Kämpfen verbunden.

Was unsere Kinder narzisstisch werden lässt – ein Überblick

Narzissmus ist nicht angeboren und unsere Kinder bringen ihn bei der Geburt nicht mit auf die Welt. Wissenschaftlich wird diskutiert, dass bestimmte Anlagen, die sich im Temperament des Neugeborenen und Babys zeigen, eine Grundlage für die narzisstische Entwicklung darstellen können. So können Kinder mit einem sehr aktiven, für andere Menschen und neue Reize offenen Temperament eher einen grandiosen Narzissmus, Kinder mit einem sensiblen, reizempfänglichen Temperament eher einen vulnerablen Narzissmus ausbilden. Beides hängt allerdings davon ab, wie Eltern mit dem jeweiligen Temperament ihres Kleinkindes umgehen.

Für die Entstehung des Narzissmus bei Kindern und später bei Erwachsenen haben sich in vielfältigen Untersuchungen folgende Faktoren des elterlichen Erziehungsverhaltens herauskristallisiert:

  • Verwöhnung des Kindes in seinen Bedürfnissen und zu große Nachgiebigkeit gegenüber dem Verhalten des Kindes, wenn es beispielsweise Regeln missachtet.
  • Lob und Anerkennung für alles, was das Kind tut, dabei Vermeiden von kritischer Rückmeldung und Forderungen an das Kind.
  • Fokussierung auf das Kind als einziger Mittelpunkt der Familie, dem sich alles unterzuordnen hat.
  • Idealisierung des Kindes als etwas Besonderes mit der gleichzeitigen, oft unbewusst vermittelten Botschaft an das Kind, dass es etwas Besseres ist als die anderen ist.
  • Idealisierung des Kindes als außerordentlich begabt und talentiert, meist verbunden mit sehr hohen, oft unbewussten Leistungsanforderungen an das Kind.
  • Unbewusste Inanspruchnahme des Kindes für die Erfüllung der ungelebten Wünsche und Sehnsüchte der Eltern.
  • Mütterliche Erziehung der Söhne zu Macho-Jungs; väterliche Erziehung der Töchter zu Modell-Mädels.
  • Unbewusstes Einsetzen des Kindes als Helfer oder Retter eines Elternteils, dem es schlecht geht; oft auch das unbewusste Einsetzen des Kindes als Verbündete in Paarkonflikten oder bei der Trennung der Eltern.
  • Ungesteuerter Konsum von neuen Medien durch die Kinder und Jugendlichen, weil die Medien beispielsweise Handys und soziale Medien wie große Spiegel für den kindlichen Narzissmus wirken.

Diese Aufzählung klingt nun wie ein Horrorkabinett aller elterlichen Erziehungsfehler. So ist das natürlich nicht gemeint. Eltern machen nicht alle der hier aufgezählten Fehler – im Gegenteil: sie machen vieles einfach auch gut. Aber es genügen schon ein bis zwei Faktoren dieser Liste, damit ein Kind mit seinen ganz natürlich vorhandenen narzisstischen Themen zu stark auf die narzisstische Bahn gerät. Die normale narzisstische Entwicklung der Kinder ist also selbst schon eine immer wieder kritische Entwicklung. Dazu kommen viele gesellschaftliche Außenfaktoren, die die Entwicklung des Kindes zu einem reifen Selbst negativ beeinflussen können. Deshalb sollten Sie als Eltern mit Hilfe meines Buches „Am besten ganz normal. Kinder vor Narzissmus schützen“ eine gelassene Wachsamkeit entwickeln, mit der Sie die Selbstentwicklung Ihrer Kinder prägend und formend begleiten können.

 

Beachten Sie bitte!

Kein Elternteil will absichtlich seine Kinder zu narzisstischen Kindern erziehen. Entscheidend für die narzisstische Entwicklung des Kindes ist nicht so sehr die bewusste Absicht der Eltern, sondern es sind die unbewussten Prozesse, die sich aus  den eigenen biografischen Erfahrungen der Eltern in die Erziehung einschleichen. Deshalb ist es wichtig, sich als Eltern gegenseitig immer wieder kritisch befragen, ob es nicht doch unbewusste Motive, unbewusste Kräfte und unbewusste Prozesse gibt, die das Kind auf narzisstische Bahnen führen könnte. Auch die selbstkritische Lektüre dieses Buches wird Ihnen dabei helfen, den eigenen unbewussten Anteilen auf die Schliche zu kommen.

Keine narzisstische Kinder – Was Eltern konkret tun können!

In jedem Kapitel will ich Ihnen konkrete Ideen liefern, mit denen Sie Ihr Kind unterstützen können, eine selbstsichere und zugleich sozial bezogene, also freundliche Persönlichkeit zu entwickeln. Manche der Anregungen werden auf Sie und Ihre Kinder nicht zutreffen. Lassen Sie diese dann getrost bei Seite. Ebenso müssen Sie nicht alle Anregungen am Ende eines Kapitels umsetzen. In aller Regel genügt es, wenn Sie aus jedem Kapitel eine kleine Idee für sich und Ihre Kinder übernehmen.

Ich will Ihnen aus diesem ersten kurzen Überblick zum Narzissmus von Kindern einige Anregungen geben, mit denen Sie sich und Ihr eigenes Erziehungsverhalten kritisch wahrnehmen und schon ein wenig korrigieren können:

  • Freuen Sie sich darüber, wenn Ihr Kind sein Ich und Selbst entdeckt. Fördern Sie sein Selbstbewusstsein und den Stolz auf sich. Aber achten Sie auch darauf, dass Ihr Kind sich zurücknehmen kann, anderen Kindern den Vortritt geben kann, höflich und rücksichtsvoll sein kann und lernt, auf etwas zu verzichten.
  • Machen Sie sich kundig über die narzisstische Entwicklung von Kindern und deren kritischen Punkte. In meinem Buch „Am besten ganz normal“ werden Sie gründlich, darüber informiert, so dass Sie sichere Kriterien für eine angemessene oder eben problematische kindliche narzisstische Entwicklung erhalten.
  • Fragen Sie sich und Ihren Partner oder Partnerin immer wieder, an welcher Stelle der ganz normalen Selbstentwicklung Ihr Kind steht. Befragen Sie dazu auch Ihnen vertraute Erzieherinnen oder Lehrerinnen Ihrer Kinder, weil diese eine guten Außenperspektive und einen guten Vergleich mit anderen Kinder besitzen.
  • Fragen Sie sich als Eltern gegenseitig, ob und wie Sie selbst mit einem eigenen Narzissmus ein Modell für Ihr Kind sind und ob Sie unbewusst narzisstische Tendenzen wie die Grandiosität bei Ihrem Kind fördern. Fordern Sie von Ihrem Partner oder Partnerin eine ehrliche Rückmeldung ein. Das kann zunächst wehtun, kann aber die unbewusste narzisstische Prägung Ihrer Kinder verhindern. Außerdem können solche Gespräche mit dem Partner oder der Partnerin sehr anregend und spannend sein.
  • Fragen Sie sich selbst, wie sicher oder unsicher Sie sich fühlen. Wenn Sie sich unsicher fühlen, könnten Sie versucht sein, Ihr Kind über die Maßen selbstsicher und damit grandios werden zu lassen. Wenn Sie sich sehr sicher fühlen, könnte es sein, dass Sie Ihr Kind schon zu früh selbstsicher machen wollen und es dabei überfordern.
  • Prüfen Sie, ob eines Ihrer Kinder ganz im Mittelpunkt der Familie steht und zu viel Macht in der Familie hat. Das ist eine unangenehme, aber für den kindlichen Narzissmus sehr wichtige Frage. Helfen Sie Ihrem Kind, sich als Kind in die Familie einzuordnen und übernehmen Sie Ihre erwachsene Position als Eltern. Das tut dem Kind, aber auch Ihnen und Ihrer Familie gut!
  • Fragen Sie sich bei partnerschaftlichen Konflikten oder einer Trennung, ob Sie Ihr Kind bewusst oder unbewusst zum Koalitionspartner machen. Hier fühlt sich das Kind grandios gebraucht und überschätzt sich dabei narzisstisch. Geben Sie Ihr Kind frei, Sie gegenüber dem Partner zu unterstützen. Nehmen Sie Ihr Kind nicht als Helfer oder Ersatz, sondern lassen Sie Ihr Kind ein Kind sein.

Soweit einige erste Anregungen. Weitere Anregungen finden Sie in meinem Buch „Am besten ganz normal“ – übrigens ein gutes Motto für die Erziehung der eigenen Kinder, auch wenn unsere Liebe in unseren Kindern immer etwas Besonderes sieht. Aber auch die Liebe zu unseren Kindern hat doch blinde Flecken, die zu einer narzisstischen Entwicklung unserer Kinder führen könnten.


Roland Kachler

Dipl.-Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut, Zertifizierte Transaktionsanalytiker (DGTA), Systemischer Paartherapeut, Supervisor, Klinische Hypnose (MEG), Fortbildungen in systemischen Ansätzen und in psychodynamisch-imaginativer Traumatherapie (PITT), Ego-State-Therapie; langjähriger Leiter einer psychologischen Beratungsstelle; eigene psychotherapeutische Praxis; Vorträge und Workshops.

Autor von Büchern zur Trauer, besonders der Best- und Longseller „Meine Trauer wird dich finden. Ein neuer Ansatz in der Trauerarbeit“ (Herder Verlag), auch ein Kinderbuch zur Trauer „Wie ist das mit der Trauer?“ (Gabriel Verlag).

Bücher zur Arbeit mit dem Inneren Kind: „Sei dein eigenes Wunschkind. Das Innere Kind lieben lernen“ (Herder Verlag) und „Die Therapie des Inneren Kindes“ (Klett-Cotta-Verlag)

Und schließlich das Buch zum Narzissmus von Kindern: „Am Besten ganz normal. Kinder vor Narzissmus schützen“ (Herder Verlag).

Näheres zu mir und meiner psychotherapeutischen Praxis in Remseck bei Stuttgart: www.Kachler-Roland.de


Veröffentlicht in Blog, Expertenwissen zum Thema Narzissmus
12 Kommentare zu “Wie wir unsere Kinder vor Narzissmus schützen und bewahren können
  1. Friedel sagt:

    Wie kann man sich schützen. Aktive Gegenwehr, mit der ein Narzissist nicht rechtnet, gewohnt seines Manipulationskonstruktes. Wir deutschen Gutmenschen, alles verstehen wollende zeichnen uns aus, genau dafür alles verstehen zu wollen und bestrebt eine Ebene zu finden, alles einvernehmliche zu regeln. Emphatische Aggression kommt darin überhaupt nicht vor. Wir müssen ja Gutmensch sein. Sein, verflucht nochmal nein, müssen wir nicht. Liebe Betroffene, stellt Euch mal auf die Hinterbeine – betrogen, belogen und hintergangen – und steht ein für Eure Rechte und die Eurer Kinder, ohne Anspruch des Gutmenschdaseins. Der narzisstisch geprägte Mensch hat das auch, und sowas von gar nicht ! Warum diskutiert Ihr und macht das mit!?

    • Randi Dohrin sagt:

      Liebe Friedel,

      aktive, authentische Gegenwehr zum eigen Schutz zu praktizieren, womit der narzisstisch geprägte Mensch zunächst nicht rechnet, ist ein probates Mittel gegen ichbezogene Menschen, dazu gehören auch Kinder mit erkennbarem Verhalten. Sobald das „unerzogene, manipulative, verletzende, erniedrigende, empathilose Verhalten von Menschen den Namen NARZISSMUS „verdient“, ist das Grenzen setzen und Abstandhalten ein MUSS, wenn man ihn, den Narzissmuss, dann hoffentlich als solchen erkennt. Und so ist es natürlich auch mit Ratschlägen an Eltern, wie man seine Kinder vor der „Entwicklung des Narzissmus“ schützen und bewahren kann. Narzismuss muss erkannt werden und dem anerzogenen Verwöhn-Narzissmus durch falsche Erziehung muss dringend Einhalt geboten werden. Schade ist nur, dass gerade die Eltern, die solche ratgebenden Bücher lesen sollten, sie nicht lesen. So ist es zumindest leider bislang meine Erfahrung. … Sie sind häufig selbst Opfer narzisstischer Eltern, erkennen die narzisstischen Tendenzen nicht, da sie es nicht anders kennen und so setzt sich das Elend dann fort und wird weitergegeben.

      Und ansonsten,liebe Friedel, das immer mehr verordnete „Gutmenschendasein“ sollte da aufhören, wo die eigenen Grenzen verletzend überschritten werden. Und zwar in jeder Hinsicht! Nur….?? Kennen und spüren denn alle die Grenzen ihrer Selbstachtung? Vielfach wohl nur noch im Geldbeutel. …

  2. Cornelia Weitzel sagt:

    Auf sonstige Lebensbedingungen, außerhalb des Elternhauses und der Herkunftsfamilie, wird überhaupt nicht eingegangen. Bekanntlich gibt es ja nie die eine Ursache, sondern Wechselbeziehungen zwischen Kind, Eltern, nähere und weitere Umwelt – je älter das Kind umso mehr. Schade, da fehlt in der Analyse einiges!

  3. Klarsicht sagt:

    Sehr geehrter Herr Kachler
    Ich komme nochmals auf das Thema Narzissmus = erworben/vererbt zurück, da es mich seit langem nicht loslässt. Die Frage ist ja, ist die narz. Persönlichkeitsstörung eine Kombination von Genetik UND Erziehung oder nur Erziehung. Denn damit würde dies auch etwas darüber aussagen, ob Narzissmus therapierbar= reversibel ist. Wenn dies eine genetische Komponente hat, ist die Reversibilität sicher reduziert. Ich weiss, Narzissmus ist sehr schwer therapierbar, da der Narzisst ja keine Empathie, auch keine Selbstreflexion hat, und somit kaum zur Therapie geht, ausser er gelangt in eine Lebenskrise.
    Doch, wenn es schon gelang in einer Studie die verminderte Dicke der grauen Substanz es Gehirns von narz. Persönlichkeiten zu erfassen, wäre es doch auch möglich deren Gene zu betrachten? Liegt es in den Genen? Sind es SNP’s, also Polymorphismen ? Wissen Sie etwas darüber?
    Natürlich hier geht es um die Kindererziehung, und die finde ich enorm wichtig. Ohne Liebe (damit meine ich nicht Verwöhnung!) gibt es keine Selbstliebe. Und ohne Selbstliebe entwickelt sich ein Mensch entweder zum übermässigen Empath (um endlich Liebe zu erlangen), oder zu einer narz. Persönlichkeit der der Selbstwert fehlt…
    Die Kindererziehung ist sehr schwierig in der heutigen Zeit, mit Liebe aber mit Festigkeit Grenzen zu setzen… Doch der Buchtitel: „Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen“ hat mir persönlich enorm geholfen.
    Besten Dank und herzlichen Gruss
    Klarsicht

  4. Lilli sagt:

    Hallo Herr Kachler,

    rechtzeitig die Weichen stellen zu können, das wäre wunderbar.
    Doch man lebt vorwärts und versteht rückwärts,
    wie Kierkegaard sagte.
    Eine Impfung gegen Persönlichkeitsstörungen gibt es leider nicht.
    Ich denke, viele haben erst in der Konfrontation mit Narzissmus begriffen, dass es diese Persönlichkeitsstörung gibt, die total unfair für ihre Überlegenheitsbedürfnisse agiert und bedient werden möchte.

    • Randi Dohrin sagt:

      Liebe Lilli,

      ich schließe mich sehr gerne Ihren Worten an …“rechtzeitig die Weichen stellen zu können, das wäre wunderbar.“ …, ebenso Ihren anderen und den Worten Kierkegaard.

      Eventuell können sich bei erkennbaren Verhaltensauffälligkeiten diese durch einlenkende Richtungsanweisungen (leicht) korrigieren lassen, da stimme ich Herrn Kachler schon zu. Dennoch würde ich niemals die genetischen und epigenetischen Komponenten außer Acht lassen. …

      Narzissmus zu erkennen, hat oberste Priorität und das ist äußerst !!! schwierig, auch für Psychologen. Das frühtraumatisch Erlebte wird Betroffenen oftmals, wenn überhaupt,aber erst im höheren Alter bewusst und bis dahin wuchsen die Nachfahren zumeist in einem genauso „falschen traumatisierenden Umfeld auf.

      • Lilli sagt:

        Hallo Randi Dohrin,

        der Mensch lebt in seiner Zeit und in seinen Bezügen.
        Bei uns in der Demokratie und Familie: Schule, Vereine, Beruf in relativ freier Wahl.
        ‚Man sucht sich ein Leben nicht aus, man lebt eines‘,
        sagt der verstorbene Sohn in einer Rückblicksszene zu seinem Vater, der mit der Urne auf dem Jakobsweg weitergeht,
        in dem Film ‚Der Weg‘.
        In Märchen müssen immer wieder Rätsel gelöst werden, etwas Geheimnisvolles herausgefunden werden,
        wie im wirklichen Leben,
        z.B. den Umgang mit Narzissmus.
        Für mich sind die alten Weisheiten der Religionen von Bedeutung:
        Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.
        Erkenne dich selbst.
        Tu Gutes und vergib.

        • Randi Dohrin sagt:

          Liebe Lilli,

          …“Man sucht sich sein Leben nicht aus, man lebt eines, sagt der verstorbene Sohn in einer Rückblicksszene zu seinem Vater etc. „…, ähnliche Worte sagte auch mein im Juni 2018 verstorbener Sohn immer wieder einige Monate vor seinem Tode, und ihm blieben Menschen mit narzisstischen Störungen wahrlich nicht erspart trotz oder gerade mit seiner körperlichen Schwerstbehinderung. … Mein Sohn meisterte sein Leben mit einer bewundernswerten Dankbarkeit „überhaupt“ zu leben. Nichts desto trotz litt er häufig sehr unter Menschen ohne Empathie, Launenhaftigkeit und ausgeprägtem Egoismus, wo er sich häufig die Frage gestellt hatte …“Haben die keine Erziehung genossen?“… „Offenbar nicht!“, antwortete ich ihm dann zumeist. …
          Aber, es ist nicht nur die fehlende, falsche oder „Verwöhn-Armona- Erziehung ohne Grenzen“, die sich hinter „toxischen“ Personen verbirgt, die Gründe dafür liegen oftmals noch sehr viel tiefer und können sich durch Generationen von Familien „ziehen“.

          Mein Sohn „vergab“ und hatte damit das Verhalten des verletzenden Gegenübers verziehen, weil er seine schwere Behinderung respektieren musste. …

          „Verzeihen“ ist richtig, solange man nicht an die eigene Grenzen stößt.

          • Lilli sagt:

            Liebe Randi Dohrin,

            der Film heißt ‚Mein Weg‘, nicht ‚Der.
            Dein Sohn war dann ein gereifter Mensch mit Herzensbildungund also eine Wohltat für viele, finde ich.
            In unserer Leistungsgesellschaft ist viel Wettkampf und Konkurrenzdenken, um so wichtiger sind die Repräsentanten der Herzensbildung und Menschlichkeit.
            Bei diesem Thema hier war mein erster Gedanke,
            wie schützt man Kinder vor dem Umgang mit Narzissten,
            das Anliegen hier ist darüber hinaus das Ausgleichen der Entwicklung dazu.
            Ich habe in meiner Verwandtschaft die Narzissmusprobleme seit meiner Mutter durchbrochen.
            Unsere Kinder sind viel mehr sie selbst als ich das in jüngeren Jahren war.
            Ich bin das erst nach und nach in späteren Jahren geworden.

        • Randi Dohrin sagt:

          Liebe Lilli,

          danke für den Tipp mit dem Film „MEIN WEG“, der ganz bestimmt „etwas“ für mich ist.
          Ja, Sven, mein Sohn, liebe Lilli, war ein gereifter Mensch, der nicht nur schwarz-weiße Ansichten hatte, wie so viele; er verfügte über eine ganze Farbpalette und fand immer Verständnis für sein Gegenüber, selbst dann, wenn sich die Frage der Selbstachtung für ihn gestellt hatte. Die Kraft der Toleranz zog er mit Sicherheit auch aus seiner Abhängigkeit wegen seiner hohen Lähmung, Arm-Amputation usw. ….

          Unsere Kinder sind viel selbstbewusster als wir es gewesen waren und das ist gut so.
          Natürlich können sich – bei entsprechender „Verziehung“ oder einer Erziehung ohne notwendige Grenzen zu setzen – leicht verzogene Tyrannen, bis zum ausgeprägten Narzissmus entwickeln. Gut wäre es natürlich, wenn „Fehl-Erziehende“ Rat gebende Literatur lesen würden, ich bezweifele aber, da ihnen zumeist die Notwendigkeit zum Reflektieren fehlt, weil sie vielfach selbst narzisstisch oder komplementär-narzisstisch geprägt sind und somit die Thematik einer drohenden oder schon vorhandenen Narzissmus-Störung nicht „richtig“ erkennen können.

          Auch ich, bin wie Du, erst in viel viel späteren Jahren bis zu meinen Wurzeln gekommen. Es war MEIN WEG, der mich stark gemacht hat – ohne auf Derb und Gedeih zu verurteilen.

  5. Arianna sagt:

    Kinder müssen vor allem lernen, dass sie geliebt werden – Eltern, die das Kind in dem Glauben lassen, „Liebe“ sei gleichbedeutend mit „verwöhnt werden, immer Recht bekommen, immer im Mittelpunkt stehen“ machen definitiv etwas falsch.
    Das ist auch schlimm für das Kind, da es Angst bekommt, etwas falsch zu machen und dann nicht mehr perfekt zu sein, was wiederum in dem Glauben resultiert, nun keine Liebe mehr zu verdienen.
    Eltern müssen ein gesundes Mittelmaß finden zwischen Verbieten und Erlauben, lieben aber nicht alles durchgehen lassen. Viele scheitern schon daran, dass sie selbst zu streng erzogen wurden und nun meinen „Mein Kind soll es besser haben.“ Aber ein Extrem hebt das andere nicht auf.

  6. Klarsicht sagt:

    Sehr geehrter Herr Kachler, sehr geehrter Herr Grüttefien
    Was für ein toller Beitrag! Ganz herzlichen Dank! Genau darüber zerbreche ich mir schon lange den Kopf. Narzisstische Menschen werden nicht narzisstisch geboren! Das habe ich mir schon längst gedacht. Wenn die Mutter meines Ex-Partners zu ihm jeweils sagte, er sei kein guter Mensch, dann sagte ich mir immer, aber er wurde wahrscheinlich nicht so geboren…? Ich mache damit keine Vorwürfe an seine Mutter, sie wusste es nicht besser, hat auch ihre Prägungen in ihrer Erziehung erlebt. Und ich sehe in den Freundeskreisen und meiner eigenen Familie, wo Narzissmus vorkommt, dass durch’s Band (heisst nicht, dass es allgemein so ist), ein Eltern-Teil auch narzisstisch war, und diese Elternteile stammen alle aus der Kriegszeit. Ob der Narzissmus eine Art Überlebensstrategie im Krieg war oder wurde und die „Auswüchse“ bei deren Nachfahren immer ausgedehnter wurden ? Wenn der Narzissmus erworben und nicht angeboren ist, wäre es ev. auch eine gute Nachricht, dass er reversibel wäre? Dass ein Mensch nicht mehr narzisstisch oder weniger narzisstisch sein muss, wenn er sich angenommen fühlt, so wie er ist und sein Verhalten dann besser korrigieren kann? Ich weiss, alle Leser hier werden sagen, aber nicht auf unsere Kosten… das stimmt, v.a. wir Empathen, die verletzt und ausgenutzt wurden, müssen primär unsere eigene Haut retten. Aber wer nicht, oder nicht mehr in diesem Strudel ist, d.h. wer „geheilt“ oder neutral „draussen“ ist, kann diese Überlegung vielleicht machen… Denn es ist schon spannend, dass in einer Studie gezeigt wurde, dass im MRT das Gehirn von Personen, die sich in einem Fragebogen als stark narzisstisch bezeichneten, eine verringerte Grösse der grauen Substanz im Bereich des Sitzes der Empathie zeigte. Doch das Gehirn ist etwas Plastisches und kann sich regenerieren…
    „Am besten ganz normal“ Das finde ich wahnsinnig gut ausgedrückt und war immer meine Devise in der Erziehung meines Kindes: Doch es ist sehr schwierig heutzutage ein Kind „ganz normal“ aufzuziehen… Es gibt so viele Therapie-Stellen in den Schulen und Abklärungs-Möglichkeiten, die müssen ja auch besetzt werden… Als mein Sohn in den Kindergarten kam, rief die Kindergärtnerin mich an und sagte, man sollte das Kind ev. ergotherapeutisch abklären, ob mir auch schon aufgefallen sei, dass er sehr stark drücke mit dem Farbstift? Nein, war mir nicht aufgefallen und ich gab zur Antwort für mich sei mein Kind „ganz normal“… Ich hatte damals gute Unterstützung, ich besuchte eine Weiterbildung in Individualpsychologie und meine Lehrerin sagte, genau „so“ würden die misslichen Karrieren der Kinder beginnen, indem ihnen der Stempel aufgedrückt würde mit ihnen stimme etwas nicht… Bei meinem Sohn ging das dann so weiter, dass in der 1. Klasse nochmals ein Aufgebot zur Ergotherapie folgte, weil er das R noch nicht so gut rolle… auch da, war meine Devise, mein Kind ist „ganz normal“. In der 5. Klasse plötzlich kam das Aufgebot, man sollte ihn abklären, ob eine Hochbegabung vorlag… (so kann sich das ändern! ). Doch ich habe auch da gesagt, mein Kind ist „ganz normal“. Und er wurde zu einem tollen, sehr sozialen und glücklichen Erwachsenen mit guter Schuldbildung und einem guten Beruf, in dem er aufgeht…
    Lieben Dank nochmals für die so guten Beiträge, die mich immer sehr inspirieren.
    Herzlichst
    Klarsicht

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