Die Kraft Ihrer Glaubenssätze

Ein Gastbeitrag von Katharina Schuldner

Die Psychotherapeutin Katharina Schuldner aus Wien möchte in diesem Beitrag einen Einblick in ihre therapeutische Arbeit mit einem Klienten geben, der aufgrund der Umwandlung seiner Glaubenssätze seine Position innerhalb einer missbräuchlichen Beziehung mit einer Narzisstin verändern konnte. Das Beispiel soll einen Eindruck geben, wie die Kraft von Glaubenssätzen das Denken, Fühlen und Handeln in einer Beziehung beeinflussen kann.

Die Kraft Ihrer Glaubenssätze

Bild: © antonioguillem – 123rf.com

Niemand mag mich …

Ich muss perfekt sein …

Ich hab kein Glück in Beziehungen …

Mein Leben ist schwierig …

Andere haben es besser als ich ….

Kommen Ihnen solche Sätze bekannt vor? Oder sagen Sie sich diese sogar selbst vor? Das sind klassische Glaubenssätze, die jede/r von uns in der einen oder anderen Form hat.

Glaubenssätze oder auch Einstellungen, Überzeugungen oder Meinungen sind unbewusste Gedankenmuster oder Lebensregeln, die wir uns im Laufe unseres Lebens angeeignet haben. Sie beeinflussen, wie wir über uns, über andere oder das Leben denken und sie bestimmen unsere Erwartungen über die Zukunft.

Glaubenssätze sind stark in uns verankert und bestimmen maßgeblich unser Denken, Fühlen und Handeln. Sind sie positiv, helfen sie uns, unsere Ziele zu erreichen und geben unserem Leben Ordnung und Stabilität. Sind sie hingegen negativ, blockieren sie uns und hindern uns, unsere Ziele zu erreichen. Negative Glaubenssätze wirken oftmals als Art „selbsterfüllende Prophezeiung“: Je stärker ich z. B. davon überzeugt bin, dass „mir nichts gelingt“, desto öfters werde ich dementsprechende negative Erfahrungen machen. Diese bestätigen und verstärken meinen negativen Glaubenssatz.

Wie negative Glaubenssätze umgewandelt werden können …

Bernd (28) kam in meine Praxis, da er sich ausgebrannt fühlte und erkannt hatte, dass er mit seiner jetzigen Freundin eine ungesunde Beziehung führte: Sie schrieb ihm vor, wie er sich kleiden sollte, welche Freunde und Bekannte er sehen durfte und dass seine Familie einen schlechten Einfluss auf ihn hätte.

Bernd hatte starke Schuldgefühle, weil es in der Beziehung nicht mehr so harmonisch lief und er fühlte sich abhängig, aber auch unfähig, die Beziehung zu beenden. In der Therapie erkannte er rasch die narzisstischen Züge seiner Partnerin und dass es sich um eine emotionale Missbrauchsbeziehung handelte.

Den eigenen Anteil an einem emotionalen Missbrauch erkennen

Bernd setzte sich während der Therapie intensiv mit seinen Glaubenssätzen auseinander, die ihn in dieser Beziehung verharren ließen. Der junge Mann verinnerlichte schon als Kind das Bild des sich aufopfernden, verständnisvollen Ehemannes, der alles für seine Frau gibt und wenig auf seine eigenen Bedürfnisse achtet. So bewunderte er einerseits seinen Vater für diese Haltung und dass er von ihm jene Liebe und Fürsorge bekommen hatte, die er von seiner Mutter vermisste.

Anderseits verstand er nicht, warum sich sein Vater all die Jahre von seiner Mutter abwerten ließ, sich das alles als Mann gefallen ließ und sich nicht wehrte. Bernd erkannte nun, dass er diese ambivalenten Gefühle auch sich selbst gegenüber hegte: Auf der einen Seite gefiel er sich in der Rolle des Helfers, alles für die Frau zu tun. Auf der anderen Seite wertete er sich selbst stark ab und ordnete sich unter.

Der Student dachte auch, er habe es verdient, weil er nicht gut genug sei. Wenn etwas in der Beziehung nicht stimmte, strengte sich Bernd noch mehr an. Er achtete nicht mehr auf seine eigenen Bedürfnisse, sondern stellte diese hinten an – zugunsten der Harmonie und des lieben Friedens willen. Alles sollte so sein wie zu Beginn der Beziehung und des ersten Verliebtseins.

Aus Angst, betrogen oder verlassen zu werden (so wie mit 17, als sich seine Eltern nach einer Affäre seiner Mutter trennten), ließ sich der junge Mann immer mehr gefallen. Er wollte nicht, „schuld am Scheitern der Beziehung sein“.

Innerer Dialog mit sich selbst

Bernd klagte sich häufig selbst an, dass er nichts richtig mache, dass er sich nur mehr anstrengen müsste, dass er ein Versager sei. Dann fühlte er sich hilflos, ängstlich, minderwertig.

In der Therapie lernte Bernd verstehen, wie seine negativen Glaubenssätze mit seinen Gefühlen verbunden sind und wie positive Glaubenssätze seine Gefühle verändern können.

Dabei halfen ihm folgende Fragen:

  • Was würde Bernd seinem besten Freund in einer ähnlichen Situation raten?
  • Was erwartet er von seiner Partnerin?
  • Sind seine Gedanken überhaupt wahr? Müssen sich beispielsweise Männer IMMER für Frauen aufopfern?
  • Ist es überhaupt möglich, eine gleichberechtige Beziehung zu leben, wenn er so denkt?
  • Was will er eigentlich für sich?

Mit den Antworten gelang es Bernd, seine negativen Glaubenssätze zu entkräften und in positive zu verwandeln:

  • Statt „Ich bin es nur wert, geliebt zu werden, wenn ich etwas leiste.“ denkt sich Bernd nun: „Ich bin ein liebenswerter Mensch unabhängig von meiner Leistung.“
  • „Ich muss meine eigenen Bedürfnisse hintanstellen, um andere glücklich zu machen.“ wurde zu: „Ich habe das Recht auf meine eigenen Bedürfnisse zu hören und danach zu handeln.“
  • „Es ist meine Schuld, wenn ich verlassen werde.“ zu: „Ich bin nicht alleine für das Gelingen der Beziehung und das Verhalten meiner Partnerin verantwortlich.“

Diese Umwandlung und das Umpolen der bisherigen Gedankenmuster sind nicht immer leicht. Dabei können Affirmationen helfen. Das sind einfache Sätze, die klar und positiv formuliert sind. Sie können sie sich jeden Tag vorsagen. Beispiele für Affirmationen sind:

  • Ich bin gut, so wie ich bin.
  • Ich verdiene es, gut behandelt zu werden.
  • Ich stehe für meine Bedürfnisse ein.
  • Ich verzeihe mir das selbst.
  • Ich schaffe das.

Damit Bernd seine neuen positiven Glaubenssätze in seinem Leben umsetzen kann, beschäftigte er sich zudem mit folgenden Fragen:

  • Was kann ich als ersten Schritt verändern?
  • Was kann ich konkret in die Tat umsetzen?
  • Welche Entwicklung kann ich anstoßen?
  • Welche Ressourcen stehen mir zur Verfügung? (Gemeint sind Zeit, Unterstützung durch Verwandte, Freunde, …)
  • Woran erkenne ich, dass ich bereits einem positiven Glaubenssatz folge?

Neue Denkmuster leben

Bernd beschließt, dass er eine gesunde Beziehung auf gleicher Augenhöhe führen möchte, wo auch seine Bedürfnisse ernst genommen und vernünftige Kompromisse von beiden Seiten ausgehandelt werden. Als ersten Schritt nimmt er sich vor, bei der nächsten Diskussion sich nicht kleinmachen zu lassen, sondern Stopp zu sagen. Er möchte seiner Freundin zu verstehen geben, dass für ihn eine Grenze überschritten wird, wenn sie ihm z. B.  den Kontakt mit seinen Freunden untersagen möchte.

Für Bernd wäre es ein Erfolg, wenn er sich dabei besser fühlen würde, weil er für sich einsteht. Bestenfalls akzeptiert seine Freundin dieses Stopp und kann ihr eigenes Verhalten vielleicht ein Stück weit reflektieren. Bernd nimmt sich vor, dies die nächsten Monate zu praktizieren. Ebenso möchte er wieder mehr Kontakt zu seinen Freunden und zu seinem Vater. Sollte sich keine Besserung oder Verhaltensänderung seiner Freundin einstellen, zieht er ernsthaft in Erwägung, diese für ihn „toxische“ Beziehung zu beenden, da er am Ende seiner Kräfte ist.

Indem sich Bernd mit seiner Geschichte auseinandersetzte, konnte er seine Glaubenssätze und Verhaltensmuster aufspüren und Stück für Stück mit neuen Glaubenssätzen ersetzen. Und so wird er eines Tages eine vertrauensvolle Beziehung führen, in der sich beide wertschätzen und ihre (verschiedenen) Bedürfnisse respektieren und anerkennen – ohne Angst, betrogen oder verlassen zu werden, wenn er einen Fehler macht oder nicht den Vorstellungen seiner Freundin entspricht.

 

Mag.a Katharina Schuldner ist Psychologin und Psychotherapeutin in Wien. Ihr Schwerpunkt liegt auf narzisstische Beziehungen, bei denen sie erfolgreich das von ihr entwickelte Therapieprogramm EDEN (Erkennen – Demaskieren – Entfalten – Neuordnen) anwendet.

Mehr dazu auf www.narzissmus.at


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Veröffentlicht in Blog, Hilfe für Opfer von narzisstischen Missbrauch

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