Die narzisstische Unternehmensnachfolge

Die Notwendigkeit einer rechtzeitigen Regelung der Nachfolge und die sorgfältige Auswahl eines geeigneten Kandidaten wird in vielen Fällen von narzisstischen Firmeninhabern verdrängt oder eher halbherzig angegangen. Da ein narzisstischer Patriarch nicht wirklich ans Aufhören denkt, bleibt er oft bis zum allerletzten Augenblick auf seinem Stuhl sitzen, selbst wenn bereits seit Jahren ein Nachfolger im Betrieb mitarbeitet und endlich auf seine Stunde hofft.

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Die Angst, unternehmerisches Ansehen und Einfluss zu verlieren oder die Begegnung mit dem Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, lässt Firmeninhaber an ihrem Amt hartnäckig festhalten. Da sich in ihrem Leben immer alles nur um den eigenen Betrieb drehte, haben sie oft keine Alternativen nach dem Ausstieg geplant und befürchten, in ein tiefes Loch zu stürzen. Dabei können Sie sich wenig in die Haut des Nachfolgers versetzen, der unter Umständen bereit gewesen ist, auf die eigenen Träume zu verzichten, um das Familienunternehmen weiterzuführen und mit großzügigen Versprechen in die Firma gelockt worden ist und nun geduldig auf die Einlösung warten muss.

Das Ganze gleicht dann mehr einer Versicherung für den Patriarchen, damit im Notfall jemand zur Verfügung steht, der das Unternehmen übernehmen kann. Seine wahre Absicht ist aber, weiterhin im Scheinwerferlicht zu stehen und die Lorbeeren zu ernten, die andere für ihn verdienen. Der designierte Nachfolger wird auf das Abstellgleis geschoben und darf die ganze Arbeit machen, während der alte Herr sich jede wichtige Entscheidung noch vorbehält. Das mag am Anfang auch durchaus für den Nachfolger und dem Fortbestand des Familienunternehmens hilfreich sein. Im Laufe der Zeit übernimmt diese Form der Kontrolle aber nicht mehr die Funktion einer hilfreichen Unterstützung, sondern den Charakter einer Blockade.

Das eigene Kind muss der Nachfolger werden

Sein Schicksal als Nachfolger wird dem Kind quasi in die Wiege gelegt. Ungefragt wird er vom ersten Tag an zum Stammhalter erkoren und von nun an systematisch auf die Eignung vorbereitet. Dabei ist es völlig unvorstellbar, dass der Nachkömmling eine andere Wahl als den Eintritt ins familieneigene Unternehmen in Erwägung zieht. Ihm wird es als die größte Wohltat verkauft, eines Tages ein großes und erfolgreiches Unternehmen leiten zu dürfen.

Wehrt sich allerdings ein Nachkömmling gegen das großzügige Angebot, sich zukünftig im Familienunternehmen zu engagieren, wird er ausgegrenzt, frühzeitig enterbt und für seine eigenen Lebenspläne verspottet. Ihm wird regelrecht der Boden unter den Füßen entzogen, wenn er der Familientradition nicht folgt. Insofern wird ihm nie wirklich eine Wahl gelassen. Er wird stets in diese gewünschte Richtung manipuliert, was bereits mit der Wahl der Schul- und Berufsausbildung sowie der Auswahl von Freunden und Bekannten und anderen förderlichen Kreisen und Interessensgebieten beginnt.

Wenn es mehrere Kinder gibt, dann müssen sie in einem permanenten Wettstreit eintreten, um sich die Stellung des Nachfolgers zu verdienen. Häufig gibt es aber auch noch das Recht des Erstgeborenen, um von vornherein eine akzeptierte Regelung zu haben, die dann gegenüber potenziellen anderen interessierten Kindern nicht weiter zu rechtfertigen ist. Der Erste ist eben der Glückspilz und die anderen kommen erst in zweiter Linie. Narzisstischen Patriarchen ist damit natürlich nicht bewusst, wie sehr sie den Nachgeborenen den Stempel der Minderwertigkeit aufdrücken.

Das eigene Kind muss der Aufgabe gewachsen sein

Nicht selten kommt es aber vor, dass Kinder zwar aus einem falschen Loyalitätsgedanken dem Wunsch der Eltern folgen, an der Aufgabe aber zerbrechen und somit das ganze Vermögen verlieren, samt ihrer eigenen Gesundheit und der eigenen Lebensfreude. Die Alternative eines Scheiterns kommt aber in der Vorstellung von narzisstischen Eltern gar nicht vor. Die Eltern blenden die Unfähigkeit oder die eigenen Wünsche des Kindes einfach aus. Sie wollen es nicht wahrhaben und unternehmen alle möglichen Schritte, um das Kind für diese Aufgabe zu qualifizieren. Sie stellen ihren eigenen Wunsch über alles und können dabei scheinbar nicht erkennen, dass ein ganzes Unternehmen samt seiner Arbeitsplätze auf dem Spiel steht.

Doch selbst wenn das Kind geeignet sein sollte und auch gerne aus eigenem Willen den elterlichen Betrieb übernehmen möchte, so sollte es sehr sorgsam die Perspektiven des Unternehmens prüfen:

  • Ist das Unternehmen überhaupt erfolgreich und hat es gesundes Zahlen?
  • Welche Chancen hat das Unternehmen in Zukunft am Markt?
  • Wie innovativ war das Unternehmen in den letzten Jahren?
  • Gibt es einen Investitions-Stau oder wurde die Betriebsausstattung ständig modernisiert?
  • Wie alt und wie qualifiziert ist die Belegschaft?
  • Wie hoch ist der Anteil des Fremdkapitals?
  • Welche Sicherheiten wurden gegeben?
  • Wie hoch sind gebildete Rücklagen?
  • Welche Ausbildung und Qualifikationen sind für einen Geschäftsführer notwendig?

Narzisstische Familienoberhäupter haben meist ein sehr großes Talent darin, die eigene Firma als eine einzige Erfolgsgeschichte zu präsentieren. Der eigene Betrieb und die eigenen Laufbahn werden idealisiert, während andere berufliche Alternativen als nicht lukrativ abgewertet werden. Das macht es einem Nachfolger aus der Familie schwer, einen gesunden Abstand zu bewahren und auch gegensätzlichen Impulsen zu folgen.

Ein genauerer Blick hinter die Zahlen kann dann so manches Mal erhebliche Risiken aufdecken. Die Gefahren werden aber meist vom Firmenpatriarch verschwiegen oder bagatellisiert, weil er zum einen sein Kind für das Unternehmen gewinnen möchte, und zum anderen gar nicht die eigenen Fehler und Mängel wahrhaben möchte. Auch dies hilft dem Nachfolger wenig, eine ausgewogene Entscheidung für sein Leben treffen zu können.

Eine Übernahme muss sorgsam geprüft werden

Hier beginnt aber die Verantwortung des Nachfolgers für das eigene Leben und die eigenen berufliche Zukunft, sowie die Verantwortung für das Familienunternehmen. Wie realistisch kann eine erfolgreiche Unternehmensführung unter den gegebenen Umständen sein? Hier muss man sich von den Ansichten und Einschätzungen des Firmeninhabers lösen und eine objektive Sicht einnehmen können. Leider wird aber in vielen Fällen, der Meinung des Patriarchen einseitig vertraut und meist aus Angst, die Eltern mit kritischen Fragen zu verärgern, auf einem sinkenden Schiff bequem Platz genommen.

Ist der Nachfolger dann ins Familienunternehmen mit der Motivation eingetreten, neue Wege zu beschreiten und in der Hoffnung, bald das Ruder alleine zu übernehmen, muss er oft feststellen, dass der Seniorchef gar nicht bereit ist, Platz zu machen. Dieser glaubt, unersetzlich zu sein und denkt gar nicht ans Aufhören. Dann nimmt sein Kind zwar alle Pflichten auf sich, bleibt aber den Anweisungen der Eltern treuer Untertan und muss gute Miene zum bösen Spiel machen.

Privat und geschäftlich ist kaum zu trennen

Problematisch ist es dann auch, wenn der Generationskonflikt eskaliert und von der betrieblichen Ebene in die private Sphäre hineingezogen wird. Chef und Vater, Sohn oder Tochter und Angestellter sind ja dieselben Personen. Die betrieblichen Probleme können nicht an  der Garderobe ablegt werden und schwelen weiter beim Abendbrot oder bei Familienfeiern. Hier leidet dann nicht nur ein Unternehmen an dem internen Machtgerangel und an Kompetenzfragen, sondern die ganze Familie kann an den Streitereien zerbrechen. Familie, Betrieb, Eigentum sind derart miteinander verwoben, dass am Schluss alles verloren werden kann, wenn nicht bedingungslos am selben Strick gezogen wird.

Manchmal unterbinden auch die Familienoberhäupter jede Form der Streitigkeiten und Aggressionen. Meinungsverschiedenheiten dürfen einfach nicht existieren und werden unter den Teppich gekehrt. Spannungen dürfen nicht offen ausgesprochen werden, um die Eltern zu schonen und den Schein einer harmonischen und erfolgreichen Familie aufrechtzuerhalten. Selbst wenn die bescheidene Lage des Unternehmens nicht mehr zu übersehen ist, wird noch von glorreichen Triumphen oder der großen Wende fabuliert.

Doch wenn es ernsthafte Probleme im Betrieb gibt, kann dies dem alten Herrn durchaus in die Karten spielen und seine weitere Präsenz rechtfertigen. „Die Firma braucht mich jetzt!“ oder „Unser Kind packt es noch nicht alleine!“ sind dann Sätze, die daraufhin deuten, dass es mehr um die eigene Wertigkeit geht, als um das Wohlergehen der Firma, geschweige denn der Kinder. In vielen Fällen ist ja gerade eine überalterte Firmenleitung, die sich gegen Neuerungen sperrt, das eigentliche Problem im Betrieb.

Eine sinnvolle Lösung finden

Eine Unternehmensnachfolge sollte daher sorgsam geplant werden, wobei die Verantwortung für das Unternehmen im Vordergrund stehen muss. Die persönlichen Wünsche, Vorlieben und Emotionen des Firmeninhabers dürfen keine Priorität haben. Findet sich in der eigenen Familie kein geeigneter Nachfolger mit entsprechenden Fähigkeiten oder hat dieser nicht wirklich ein nachhaltiges Interesse an der Fortführung, dann sollte man sich nach Alternativen umsehen.

So schwer es vielleicht im Einzelfall dem Firmenchef fallen mag, das Familienvermögen aus der Hand zu geben und einen externen Geschäftsführer einzustellen oder das Unternehmen womöglich zu verkaufen, so sehr muss in erster Linie an das Unternehmen und den Fortbestand gedacht werden, aber auch an die wahren Bedürfnisse des eigenen Kindes. Er muss lernen, seine eigenen Interessen zurückzustellen und hierfür nicht das eigene Kind zu missbrauchen und es mit aller Gewalt in die Verantwortung zu zwingen.


Veröffentlicht in Beruf und Führung
2 Kommentare zu “Die narzisstische Unternehmensnachfolge
  1. Wolfgang sagt:

    Diese Artikel beschreibt weitgehend die Art und Weise, wie mich mein narzisstischer Vater völlig fertig gemacht und materiell ruiniert hat. Er sollte auf der Hauptseite einen Artikel und der Rubrik „Narzissten im Berufsleben“ erhalten.

    Bei mir war es so: Ich war weit weg gezogen, hatte einen Beruf angenommen, der mir gefiel, allerdings in einer Firma mit einem verdammten Narzissten als Chef, noch dazu ein krimineller, dem ich dann kündigte, worauf ich arbeitslos war. Die Chancen eine neue Anstellung zu finden waren aber gut. Übrigens die Firma des kriminellen Narzissten wurde wenige Monate darauf von Wirtschaftspolizei hochgenommen und existiert längst nicht mehr. Soviel zu Narzissten seien gute Unternehmer. Nun kam von der Familienseite her: Die Mutter geht in Pension, jemand muss die Firma weitermachen. Die Mutter war Co-Narzisstin und nur auf dem Papier Unternehmerin. In Wirklichkeit war der narzisstische Vater der Chef und sie nichts als sein Sklave und Arbeitstier. Ich hatte da noch keine Ahnung, was in meiner Familie los war, obwohl schon damals für jeden offensichtlich, der sich mit Narzissmus auskennt. Tat nur eben keiner. Und narzisstische Vater tarnte sich ja auch gut: Alles für die Familie und die Firma. In Wirklichkeit: Alles für mich. Wie Hitler: Mein Leben für Deutschland. In Wirklichkeit: Alles für mich!

    Zuerst einmal stellte er mich paar Jahre lang ein für einen Hungerlohn. Dadurch wurde meine Bemessungsgrundlage für Arbeitslosengeld und Sozialhife auf ein unterirdisches Niveau gedrückt, was sich dann erst viele Jahre später auswirkte, nämlich nachdem mein Vater die Firma in den Ruin geführt und ich nun mittellos dastehen und nicht mehr in meinen Beruf wieder einsteigen kann, da sich dort einfach zu viel geändert hat und ich quasi neu studieren gehen müsste. Mit 48…

    Schließlich wurde die Firma übergeben. Da hätte ich schon aufhorchen müssen. Ich wollte nämlich, dass er die Firma meine Schwester übergibt, weil die schon länger als sie dort arbeitete und überhaupt besser geeignet war. Nein, er wolle mich als Nachfolger, weil er mit mir besser könne. Er hat also von Anfang an gar nicht geplant, die Firma zu übergeben, sondern ersetzte nur die zur Pseudo-Unternehmerin versklavte Mutter durch mich. Und so begann mein Martyrium als Pseudo-Unternehmer, der keinerlei Macht hatte, denn die konzentrierte mein Vater sorgfältigst auf sich, aber für alles den Kopf hinhalten durfte.

    Er kontrollierte in der Firma einfach alles. Die Einnahmen gingen direkt auf seine Privatkonten. Wenn ich irgendetwas aus eigener Initiative tat, selbst wenn es noch so geringfügig oder notwendig war, wurde dagegen angekämpft, zur Not auch mit Lügen. Die ersten Jahre fragte ich noch: Wann gehst du denn jetzt WIRKLICH in Pension? Denn er war schon längst in Pension. „Nächstes Jahr“, hieß es immer wieder. Schließlich resignierte ich und beschäftigte mich mit anderen Dingen, machte nur noch das Nötigste für die Firma. Großer Fehler! Ich hätte hingehen müssen, auf den Tisch hauen und sagen, entweder du übergibst jetzt die Firma wirklich, oder ich melde das Gewerbe ab! Damit wäre allerdings der Familienfrieden zerstört worden und hätten mehrere Angestellte ihren Job verloren. Und dann dachte ich halt auch, er ist schon alt, wird schon mal sterben. Denkste. Über zehn Jahre ging das so. Dann wurde es erst recht absurd.

    Das Geschäft lief immer schlechter. Teils durch Fehler meines Vaters, der sich nie etwas sagen lies und immer alles und vor allem besser wusste, andernteils weil sich die wirtschaftlichen Umstände änderten. Er machte stur weiter und fälschte Bilanzzahlen, um den Verlust vor sich selbst und vor mir zu vertuschen. Aber ich bemerkte diesen Betrug und die Lügerei. Zudem belastete er das Familienvermögen, u.a. das Haus, in dem meine Wohnung war. Nebenbei, eine winzige Ein-Zimmer-Wohnung, Büro und Werkstatt meines Vaters waren doppelt so groß. Ich wurde so recht wie ein Hund gehalten.

    Also wollte ich aufhören. Aber der Vater dachte nicht daran. Er log, intrigierte, manipulierte. Ich konnte ihm die Bankauszüge vorlegen, nein, das sie nicht wahr, was da stehe, in Wirklichkeit sei viel mehr Geld da. So ging das ein paar Jahre, die Schulden wuchsen und wuchsen, schließlich kam er dann doch zur Einsicht, dass man aufhören wolle. Was für eine Erleichterung. Und dann aber, zwei Monate vor beabsichtigtem Schluss, wollte er doch wieder weiter machen, entgegen aller Vernunft. Da platzte mir endlich der Kragen. Ich schrie ihn nieder und führte mithilfe meiner Schwester, die mir Gott sei Dank zur Seite stand, den Abverkauf durch und meldete die Firma ab. Selbst beim Abverkauf schrieb die Firma noch Verluste (oder mein Vater hat Geld geklaut). Außer meiner Schwester und mir sind alle glimpflich davongekommen. Wir beide wurden arbeitslos und ich auch noch mittellos, weil ich all die Jahre von einem Taschengeld gelebt hatte, das mir mein Vater gnädigerweise zugesteckt hat, und keinen Zugriff auf das Firmenvermögen hatte, damit ich mir etwas beiseite hätte legen können. Und dass mein Vater für mich vorgesorgt hätte, wenn er schon den Stuhl nicht freimachen wollte: Denkste! Nichts als leere Versprechen. Du bekommst dies, du bekommst jenes, was machst du dir Sorgen. Und stehe ich da. Mit nichts als einem ruinierten Leben.

    • Vogt sagt:

      Hallo Wolfgang,
      das liest sich furchtbar. Es ist so unglaublich schade, das diese Menschen scheinbar immer mit einem blauen Auge davon kommen, egal wieviel
      Leben sie zerstört haben. Ich hab auch lange nicht gewusst mit was bzw. wem ich es tatsächlich zu tun habe. Ein leidvolles Leben. in dem auch zwei Kinder gross geworden sind. Und der Vater (auch Unternehmer) schafft es immer wieder alle zu blenden.
      Ich hoffe sehr für Dich, das Du wieder ein schönes Leben und Glück erfährst, um all das irgendwie zu verarbeiten.
      Waltraud

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