Narzissmus und Schönheit

Ein Narzisst braucht seine narzisstische Zufuhr und setzt hierfür unterschiedliche Methoden ein. Ein besonders geeignetes Mittel, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, ist der Einsatz von äußerer Attraktivität und Schönheit – was besonders gerne von weiblichen Narzissten genutzt wird. Beim äußeren Erscheinungsbild wird ein wenig nachgeholfen, um die Gunst der anderen zu gewinnen und gleichzeitig von den inneren Defiziten abzulenken.

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Vor allem durch den Einsatz von Kosmetik, Schmuck und Kleidung wird nachgeholfen, um die eigenen Reize hervorzuheben und zu betonen. Aber auch eine Schönheitsoperation kann in Erwägung gezogen werden, um einen unerwünschten Makel zu beheben. Was bei Männern schnell lächerlich wirken kann – wenn sie sich beispielsweise aus Eitelkeit Haare implantieren lassen, ihre Haut liften oder die Augenlider straffen lassen -, wird beim weiblichen Geschlecht eher toleriert.

Die Forschung hat schon vor langem festgestellt, dass schöne Menschen positiver eingeschätzt werden als hässliche Menschen. Oft kann äußere Attraktivität den entscheidenden Ausschlag für einen Erfolg oder Misserfolg geben. Schönen  Menschen werden automatisch auch schöne und gute Charaktereigenschaften zugesprochen. Von der äußeren Attraktivität wird dann auf attraktive innere Werte geschlossen.

Attraktive Menschen bekommen eher den Vortritt, sie erhalten leichter eine gute Beurteilung und bekommen mehr Aufmerksamkeit. Ihnen wird mehr zugetraut als hässlichen Menschen, auf sie lässt man sich schneller ein, an ihrer Seite fühlt man sich wohler. Äußere Attraktivität wirkt anziehend und beeindruckend, weshalb viele Menschen besonders viel Wert auf ihr äußeres Erscheinungsbild legen – um als begehrenswert angesehen zu werden und gleichzeitig von ihren weniger lobenswerten Charaktereigenschaften abzulenken.

Der Körper wird zum Aushängeschild

Daher kann die Pflege des äußeren Erscheinungsbilds auch schnell in einen regelrechten Körperkult übergehen. Die gesamte Energie wird nur noch dafür verwendet, unschöne Makel am eigenen Körper zu kaschieren oder bestimmte Körperteile zu betonen. Man richtet sich dabei nach den jeweils gültigen Moden aus und lässt sich von den Medien, der Werbung und der Klatschpresse inspirieren. Mode-Gurus, Supermodels, Schauspieler und andere Prominente setzen die Trends und bestimmen das Schönheitsideal der jeweiligen Epoche.

Schönheitsfanatiker können ihren Körper nur dann akzeptieren, wenn er dem von den Medien repräsentierten Ideal entspricht. Aus diesem Grund wird an dem Körper solange herumgebastelt, bis er den eigenen Vorstellungen oder dem Trend entspricht. Man fühlt sich schlecht, ist unzufrieden und geradezu frustriert, wenn man mit der gegenwärtigen Norm nicht mithalten kann, und schreibt sämtliche Misserfolge oder trostlosen Augenblicke der Unvollkommenheit des Körpers zu.

Wird man von seinem Partner verlassen, bekommt man nicht den Job, den man haben wollte, wird man von einem Freund nicht eingeladen oder besteht man eine Prüfung nicht, dann bekommen am Ende immer der eigene Körper und das eigene Aussehen die Schuld. Weil man nicht attraktiv ist, hat man keinen Erfolg und ist es auch kein Wunder, wenn man abgelehnt wird.

Forever young

Mit größter Sorgsamkeit wird versucht, ebenmäßige Gesichtszüge und eine glatte Haut zu behalten oder herzustellen, damit keine Spuren von Sorgen und Leid zu erkennen sind. Solche Menschen wollen offenbar nicht zeigen, dass sie vom Leben gezeichnet werden und noch weniger wollen sie zulassen, dass sich ihre nachlassenden Kräfte an der Oberfläche des Körpers manifestieren. Das Altern des Menschen darf höchstens im Inneren stattfinden und wird dann als Lebenserfahrung und persönliche Reife wertgeschätzt. Trauer, Schwäche, Hässlichkeit und Zerfall müssen aber um jeden Preis versteckt werden.

Aufgrund der übertriebenen Sorge um den eigenen Körper entsteht ein Schönheitswahn und eine Abhängigkeit. Das gesamte Leben und das persönliche Glück sind alleine davon abhängig, wie der eigene Körper gebaut ist, wie fit und vital er ist, wie kurvenreich und reizvoll oder wie grazil und verführerisch. Der Status „Forever young“ muss um jeden Preis erhalten bleiben: man möchte die eigene Schönheit und Attraktivität sozusagen einfrieren.

Innere Zufriedenheit kann nur eintreten, wenn der Körper perfekt ist und Erfolg kann nur entstehen, wenn man mit äußerer Attraktivität punkten kann. Die Perfektion des eigenen Körpers ist dann ein elementares Mittel – und für manche das einzige Mittel -, um das Selbstwertgefühl zu stärken.

Vor allem im Alter bekommen dann solche Personen große Probleme mit ihrer Äußerlichkeit und müssen einen immer größeren Aufwand betreiben, um dem propagierten Schönheitsideal noch gerecht werden zu können. Der Körper baut ab, wird faltig, ist nicht mehr so elastisch und beweglich. Da solche Menschen ihr persönliches Glück von ihrem Körper abhängig machen, stellt der Abbau der äußeren Attraktivität die totale Katastrophe dar und ist nur sehr schwer von den Betroffenen auszuhalten.

Das Dorian-Gray-Syndrom

Dieses übertriebene und einseitige Verhalten wird auch als Dorian-Gray-Syndrom bezeichnet. Dahinter verbirgt sich eine psychische Störung, die sich in der Unfähigkeit zeigt, zu altern und zu reifen, und in einer mangelnden Akzeptanz des eigenen Aussehens. Solche Personen beschäftigen sich ausschließlich mit dem äußeren Erscheinungsbild. Schon geringste Makel und Unebenheiten können depressive Zustände auslösen sowie die Gefahr einer suizidalen Krise.

Benannt wurde das Syndrom nach einer Romanfigur. Oscar Wilde schaffte in einem  seiner Romane den jungen Mann Dorian Gray, der seine Seele an den Teufel verkauft, um ewig jung bleiben zu können. Doch leider scheitert der junge Mann mit seinem Vorhaben und nimmt sich schließlich das Leben.

Grundsätzlich ist das Streben nach körperlicher Schönheit und Makellosigkeit nicht verachtenswert:  es stellt ein durchaus legitimes Bedürfnis dar. Wenn man sich selbst gefällt und sich wohl in der eigenen Haut fühlt, steigert dies auch das eigene Selbstvertrauen. Man strahlt mehr Selbstbewusstsein aus und erhält dadurch automatisch mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung. Das Verhüllen unerwünschter Körperteile an sich muss kein krankhaftes Verhalten sein.

Ein gestörtes Verhalten ergibt sich eher aus der selbst auferlegten Notwendigkeit, den Normen unbedingt folgen zu müssen, sich ständig mit dem eigenen Körper zu beschäftigen und unentwegt nach weiteren „Optimierungen“ des Körpers zu streben in der Hoffnung, auf diese Weise  Selbstwertdefizite ausgleichen zu können. Das Defizit zwischen dem Idealbild, das ein Mensch imitieren möchte, und dem echten Bild, das er im Spiegel sieht, ist so groß, dass er im Angesicht seines Körpers in regelrechte Panikzustände gerät und ein unerträgliches subjektives Leid erfährt.

Mehr Schein als Sein

Also wird sich der Illusion hingegeben, sich durch operative Eingriffe verjüngen lassen zu können und durch einen perfektes Aussehen als Mensch mehr wert zu sein. Man versucht, durch den äußeren Schein die eigene unsichere Seele zu verdecken. Im Kampf um Aufmerksamkeit und Zuwendung wird der eigene Körper aufgemöbelt, frisiert und restauriert, um die Außenwelt mit der eigenen vermeintlichen Schönheit, Reinheit und Genialität zu blenden.

So wird zunehmend eine narzisstische Gesellschaft geprägt, die sich ausschließlich an Äußerlichkeiten orientiert: Schlankheit, Fitness, Jugendlichkeit und Sexappeal sind die vorrangigen Werte, die sich jeder aneignet, um sich akzeptiert zu fühlen. Hinzu kann sich noch ein hypochondrischer Wahn gesellen: die ständige Sorge um die psychische Gesundheit und die damit verbundene zwanghafte Fehldeutung harmloser Befindlichkeits- und Funktionsstörungen. Der Körper wird zum Sklaven des Besitzers, der ganz nach seinen Vorstellungen aussehen soll und wie ein Uhrwerk funktionieren muss.

Da man sich keine Schwäche eingestehen will und Angst vor dem Versagen hat, besteht eine besonders große Furcht vor dem gesundheitlichen Abbau des Körpers. Der Körper wird sozusagen dafür verantwortlich gemacht, wenn man nicht mehr attraktiv, erfolgreich und glücklich ist. Auf diese Weise muss nicht die Seele die Verantwortung für die eigene Unvollkommenheit übernehmen, sondern das Defizit wird auf den Körper verlagert. Der Mensch entlastet sich emotional, indem er den Körper zum Sündenbock macht und diesen mit fortschreitender  Verkümmerung zunehmend kritisiert und ablehnt.

Viele Wege führen nach Rom

Um als attraktiv zu gelten, muss man nicht unbedingt schön aussehen und einen perfekten Körper haben. Krankhafter Narzissmus bedeutet ein übertriebenes Verlangen nach positiver Aufmerksamkeit und Bewunderung durch andere, und dieses kann auch auf anderen Wegen gestillt werden.

Alle Dinge, von denen man umgeben wird, können eine Person attraktiv erscheinen lassen, wie z. B. ein Luxusauto, eine Traumvilla, ein dickes Bankkonto, ein attraktiver Partner an der eigenen Seite oder interessante oder berühmte Freunde. Auch kann die Leistungsfähigkeit, Sportlichkeit, Schlagfertigkeit, ein umfangreiches Wissen oder positive Eigenschaften wie Mut, Selbstbewusstsein, Höflichkeit oder sogar übertriebene Selbstlosigkeit einen Menschen attraktiv machen und begehrenswert erscheinen lassen.

Es ist dann nicht die reine Schönheit, die diesen Menschen attraktiv wirken lässt, sondern seine scheinbare Perfektion auf einem bestimmten Gebiet. Auf diesem Gebiet tut er sich als Experte, Kenner, Bester oder Genie hervor und zieht auf diese Weise die Aufmerksamkeit auf sich. Als schön gilt das, was begeistert und Anziehungskraft besitzt!


Veröffentlicht in Blog, Narzisstische Gesellschaft
8 Kommentare zu “Narzissmus und Schönheit
  1. Friderike sagt:

    Schade finde ich, dass hier von Rachegedanken inspirierte Beiträge auftauchen. Ein narzisstischer Mensch hat doch schon genug Defizite und leidet tief innen und muss sich deshalb diese Fassaden schaffen…. reicht das denn nicht?….. als Ex hat man es doch schon geschafft…. – oder?!?

    • Sarah sagt:

      Rachegedanken inspirierte Beiträge?
      Blödsinn.
      Ein N leidet, richtig, aber nicht, weil er ein N ist.
      Wäre er sich dessen bewusst, würde er was dagegen tun, weil er sieht, wie er anderen Menschen schadet.
      Rachegedanken sehe ich hier keine, kann aber verstehen, wenn die jemand nach einem emotionalen Missbrauch hat, bzw man dem N Alles schlechte der Welt wünscht.
      Wenn ein richtiger Missbrauch stattgefunden hat, kann das einen Ex sein ganzes Leben begleiten.
      Immer dieses herunterspielen des narzisstischen Missbrauchs…

      • Lise1 sagt:

        Ich empfinde die ersten Artikel auch als hämisch.

        Aber nach dem, was durchgestanden wurde, eine erklärliche Einstellung. Die Ex-Conarzissten sind ja auch nicht perfekt, das ist doch normal.

        Als Opfer erlauben sie sich, auf den Ex mit seinem Bemühen gut auszusehen, herab zu schauen. Der Spieß ist nun umgedreht.

        • Lise1 sagt:

          Verhaltensvorschriften und Innere Zensur gab’s lang genug für die Opfer.
          Klar, ein Zeichen, dass da Wunden sind, wenn man so hämisch schreibt, aber das braucht Zeit, um zu heilen und sich dem eigenen Leben zuzuwenden. Manchmal heilt es nie ganz und manchmal hasst man einen Menschen lebenslang, wenn genügend vorgefallen ist. Es sind alles legitime Gefühle.

    • Friedel sagt:

      Ein Narzisst schafft LEIDEN, und in aller Regel bei mehr als einem Menschen innerhalb seines Lebens.

      Zahlreiche Kommentare aus diesem Blog geben Aufschluss über erschütternde Erlebnisse.

      Als Ex hat man es nicht automatisch geschafft!

      Viele brauchen im Nachgang therapeutische Unterstützung, um überhaupt wieder klar zu kommen aufgrund des Missbrauchs. Manche geraten sogar in die Berufsunfähigkeit oder in finanzielle Notlagen sowie vieles mehr. Ganz abgesehen bei einer vermögensrechtlichen Auseinandersetzung, Unterhalts- oder Sorgerechtsregelung, wo dann auch noch die letzte Maske fällt.

      Der Narzisst ist dann meistens schon zur „nächsten Blüte“ geflogen.

      Sofern ein Narzisst überhaupt leidensfähig ist, würde ich es eher auf ein Bemitleiden ausschließlich für sich selbst eingrenzen. Dabei geht es dem Narzissten nur um sich selbst und nicht um das Leid, dass er anderen zugefügt hat oder zufügt.

    • Flora sagt:

      Nein das ist keine Fassade, das ist das falsche Selbst Sie haben ein doppeltes Selbstkonzept, das wahre Selbst wird unterdrückt, so effektiv, dass sie keinen Zugang dazu haben. Sie leiden lediglich darunter nicht sofort von jedem, jederzeit, das zu bekommen, was sie haben wollen.

      Als Ex fragt man sich, wie weit hätte man es ohne diesen Totalschaden geschafft? Manche schaffen es auch nicht, andere bringen sich um.

  2. Mike sagt:

    Oh ja, mit dem Altern haben die Alle ein grosses Problem.
    Meine hat immer viel Sport gemacht, war schlank und dennoch unzufrieden.
    Ich hab sie letztens aus Zufall mal wieder gesehen und meine Güte, was ist sie im Gesicht für ihre 35 Jahre gealtert. Wahnsinn!
    Ich verwette Einiges, dass sie hier mal nachhelfen wird, den Besser wirds nicht!

    Aber generell ist das ja schon super; Narzissten können der Natur nicht weglaufen 😉

  3. ARED sagt:

    Hahaha…Schönheit kommt von innen. Aber das ist tatsächlich ein Thema, da bin ich gespannt. Mein ExNarzisst ist sehr eitel. Und kommt jetzt in die Jahre. Ich kann mir vorstellen, dass er das nicht einfach so hinnehmen, sondern sich unters Messer legen wird. Wenn er dann auch noch danach aussehen würde, das wäre ein Fest 😀

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